
„Am 10. Januar 1944 mussten sich 35 in Stuttgart ansässige Juden, die in Mischehe gelebt hatten, deren Ehe aber infolge Tod oder Scheidung nicht mehr bestand, im Hotel Silber bei der Gestapo einfinden. Sie wurden in einen großen Saal geführt, wo ihnen erklärt wurde, dass sie alle verhaftet seien und nach Theresienstadt kämen. Dann wurden sie auf Lastwagen nach Hause gefahren, wo sie das Nötigste zum Transport einpacken mussten. Die Nacht darauf verbrachten sie im jüdischen Gemeindehaus in der Hospitalstraße, und am nächsten Tag fuhren sie mit der Bahn nach Theresienstadt.“ Die betagten Menschen können sich kaum Illusionen über den Zweck dieser aufgezwungenen Reise hingegeben haben, denn zu dieser Zeit waren schon über 2000 Juden von Stuttgart aus nach Osten deportiert worden, ohne dass ein einziges Hoffnungszeichen zurückgekommen war.
Ein Opfer des Gestapo-Transportes XIII/5 vom 10. Januar 1944 war die 75-jährige Elise Berger. Ihr Mann war bis 1923 Vorstand des Hofgartenamtes, dann Leiter der Botanischen Abteilung der Württembergischen Naturaliensammlung gewesen . Selbst als er 1931 starb, schien die bürgerliche Existenz seiner Gattin noch nicht gefährdet. Ein Gefühl von Bedrohung und Schutzlosigkeit wird sich erstmals mit den antisemitischen Hassparolen der Nationalsozialisten ins Leben von Frau Berger gedrängt haben. Dazu kam Mitte der Dreißigerjahre ein schweres Leiden. Als sie 1944 deportiert wurde „war sie schon acht Jahre gelähmt und in völlig hilflosem Zustand“, wie ihre Tochter 1947 unter Benennung von zwei Zeuginnen schrieb.
Außer dieser schweren Erkrankung und einer schmalen Rente von 110,12 RM sind es vor allem Umzüge, die ihre wachsende Not verdeutlichen. Ausgerechnet in der Zeit ihrer beginnenden Erkrankung muss sie ihr Haus Heidelberger Straße 44 verlassen und ein maximal 50 Quadratmeter großes Appartement in der Brenzstraße 24 beziehen. Dass ihr Auszug unter Druck erfolgte, geht aus dem Adressbuch 1936 hervor. Neuer Eigentümer des 1929 von Alwin Berger erworbenen Hauses ist die in Sachen „Arisierung“ rigoros agierende Stadt Stuttgart. Frau Bergers Bankguthaben betrug, als es sich die Oberfinanzdirektion im Februar 1944 aneignete, nur 882,52 RM. Hat die Stadt ihr nicht nur das Haus geraubt, sondern auch den Kaufpreis vorenthalten?
Sollte die 68-jährige Witwe Berger gehofft haben, den Rest ihres Lebens zurückgezogen in der Brenzstraße verbringen zu können, so sah sie sich bald getäuscht.. Mit der von den braunen Machthabern angestrebten und seit 1939 durchgeführten „Scheidung zwischen Ariern und Juden“ erhöhte sich der Verfolgungsdruck. Schneller als es das städtische Adressbuch registrieren konnte, musste Elise Berger zunächst in die Seestraße 114, dann in die Kernerstraße 11 umziehen. Vielleicht hat sie auch in diesen „Judenhäusern“ immer noch gehofft, als Witwe eines „Ariers“ wenigstens vor dem Schlimmsten bewahrt zu bleiben, aber auch die Erfüllung dieses Wunsches blieb ihr versagt.
Man kann sich leicht vorstellen, dass drei Umzüge in immer beengtere Wohnverhältnisse, mangelhafte Ernährung und immer schärfere Diskriminierung eine betagte und schwer behinderte alte Dame den Rest Lebenskraft und Lebensmut gekostet haben. Dass sie die Trennung von ihrer Tochter und die quälend lange Bahnfahrt nach Theresienstadt ohne ausreichende Verpflegung lebend überstanden hat, geht aus dem Bericht einer Mitgefangenen hervor, die im Dezember 1945 an Eides statt erklärt hat, dass Elise Berger ziemlich genau einen Monat nach ihrer Ankunft im Lager einen Schlaganfall erlitt, den sie nur drei Tage überlebte.
Zu den wenigen biografischen Hinweisen auf Elise Berger, die sich aus Adressbüchern, Judenlisten und Wiedergutmachungs-akten ergeben, kommt eine Information, die isoliert für sich steht: 1923 hat sie für sich und ihre damals 17-jährige Tochter Verna einen Pass beantragt , um nach Amerika auszuwandern. Über ihr Motiv ist ebenso wenig bekannt wie über den Grund ihres Hierbleibens. Versuchte sie aus ihrer Ehe zu fliehen? War ihr damals erst 19-jähriger Sohn Fritz schon dort, von dem bekannt ist, dass er nach dem Zweiten Weltkrieg in Kalifornien lebte? So lange keine in die eine oder andere Richtung weisenden Dokumente auftauchen, muss dies alles Spekulation bleiben. Biografisch Verwertbares geht aus Frau Bergers Passantrag nicht hervor, aber wenigstens war ihm das umseitige Bild beigefügt
© Text: Rainer Redies, Cannstatter Stolperstein-Initiative
© Bild: Staatsarchiv Ludwigsburg