Cannstatter Stolperstein-Initiative

Emilie und Julie Levi - entlassen, evakuiert, deportiert

Familie Levi war nach dem Ersten Weltkrieg von der Wilhelmstraße in die Liebenzeller Straße 8 gezogen. Ein Sohn, im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet, war im April 1916 vor Verdun gefallen. Der betagte Vater, Teilhaber eines Zigarren-geschäfts, war 1924 gestorben. Die Mutter lebte noch, als der erste Schicksalsschlag ihre Töchter Emilie (Bild) und Julie heimsuchte. Die beiden standen in Diensten der Stadt Stuttgart. Emilie war bei der Stadtarztstelle schon im Juli 1921 zur Fürsorgerin in Gehaltsgruppe V aufgestiegen. Julie, seit April 1926 in städtischen Diensten, war beim Wasserwerk im April 1928 zur Kanzleigehilfin in Besoldungsgruppe 15 befördert worden. Für den „alten Kämpfer“ und nie gewählten Oberbürgermeister Strölin war langjährige Mitarbeit kein Kriterium. Schon im Februar 1934 melden die „Mitteilungen des Bürgermeisteramts“, dass er 24 Jüdinnen und Juden entlassen habe, darunter Julie und Emilie Levi. Mit 41 Jahren hatte Julie noch ein halbes Berufsleben vor sich, aber als Jüdin kaum Aussichten, anderweitig Arbeit zu finden. Sie verwies auf die Härteklausel des Gesetzes und beantragte eine Minimalrente. Erstaunlich wohlwollend und faktenreich hat Strölin dieses Gesuch befürwortet. Seine Argumente machte sich auch der Sachbearbeiter des Innenministeriums noch zu eigen, aber Ministerpräsident Mergenthaler (der ab 1953 den Ruhestandgehalt eines Studienrats genoss) lehnte jede Unterstützung ab.
1935 starb die Mutter der Schwestern Levi. Um diese Zeit müssen sie schon gewusst haben, dass künftig Emilies Rente für beide reichen musste. Zu dieser finanziellen Not kamen in zunehmend rascher Folge die gegen Juden gerichteten Drohungen und Schikanen.
Die nächste verlässliche Nachricht über Julie Levi stammt vom 1. Dezember 1941, dem Tag, an dem sie vom Killesberg aus nach Riga deportiert wurde und ihre Spur sich im Grauen der dort verübten Massenmorde verliert.
Längst zuvor waren die Schwestern aus ihrer Wohnung gedrängt worden. Emilie war im überfüllten jüdischen Altersheim Wagenburgstraße 28 untergekommen, aber am 22. Dezember hat die Sicherheitspolizei die Betagten von dort nach Eschenau abgeschoben - eine Zwischenstation auf dem Weg nach Theresienstadt. Dieses Schicksal hat der Tod Emilie Levi erspart. Sie hat den Umzug ins katastrophal überbelegte Schloss Eschenau nur einen Monat überlebt und starb, knapp 56-jährig, am 26. Januar 1942. Ihr Grab auf dem Affaltracher jüdischen Friedhof hat die Nummer 125. Zu ihrer Hinterlassenschaft zählten Klassiker der deutschen Literatur: Angelus Silesius’ „Cherubinischer Wandersmann“, Goethes „Wilhelm Meister“, Gottfried Kellers „Sieben Legenden“, Arthur Schnitzlers „Griechische Tänzerin“ und andere mehr.

© Bilder: Staatsarchiv Ludwigsburg, Anke Redies, Cannstatter Stolpersteininitiative
© Text: Rainer Redies, Cannstatter Stolperstein-Initiative

© 2010 Anke & Rainer Redies