Cannstatter Stolperstein-Initiative

Karoline und Alfred Kaufmann - Von der Neckarvorstadt nach Auschwitz

Karoline KaufmannAlfred Kaufmann

Alfred und Karoline Kaufmann hatten ihre Lebensmitte in der Cannstatter Neckarvorstadt. Mit Großvater Isaak besaßen und bewohnten sie das Haus Hallstraße 28, und mit seinem Bruder Jakob übte Alfred Kaufmann den Beruf eines Viehhändlers aus. Für die Tiere, die sie verhandelten, hatten die beiden im Winnender „Hirsch“ einen Stall gepachtet.

Wie alle Juden hatte die Familie im NS-Staat zunehmend unter Diskriminierung und Verfolgung zu leiden. Schon im Verzeichnis jüdischer Geschäfte, das 1935 unter dem Titel „Deutscher kaufe nicht beim Juden“ erschien, werden die Brüder genannt. Im Februar 1937 ließ der Bürger-meister von Winnenden polizeilich beobachten, ob und wie viele Juden am dortigen Viehmarkt teilnahmen. Wenig später ließ er verfügen, dass Juden die Teilnahme an Viehmärkten verboten war. Nicht nur die Geschäfts-grundlage wurde den Kaufmanns entzogen, auch in ihr privates Leben wurde brutal eingegriffen. Ein Klassenfoto von 1936 zeigt die neunjährige Rosl noch fröhlich lachend in der ersten Reihe sitzend. Auf dem Klassenfoto von 1937 fehlt sie und mit ihr drei weitere jüdische Mädchen. Eine Zeitlang begegnete man ihnen noch in Cannstatt, aber wenn eine Klassenkameradin sie ansprechen wollte, liefen sie davon. Einen zusätzlichen Beleg für den Verlust der Lebensgrundlage der Familie Kaufmann liefert das Stuttgarter Adressbuch 1938: Das Haus Hallstraße 28 hat einen neuen Besitzer, ist also „arisiert“ worden, und die Familie ist ins „Judenhaus“ Daimlerstraße 56 gezogen. Spätestens jetzt muss der Plan gereift sein, Deutschland zu verlassen.

Im April 1939 haben die Kaufmanns in Differdingen (Luxemburg) bei Verwandten Unterschlupf gefunden. Wochen bangen Wartens folgen: Werden sich amerikanische Verwandte bereitfinden, eine Bürgschaft für die Cannstatter zu übernehmen? Bitter klagt Alfred Kaufmann Ende Juni 1939, ein paar Radaubrüder hätten die Juden zu weniger als Sklaven gemacht. Das Beste wäre gewesen, fährt er fort, sie hätten ihnen gleich das Leben genommen. Zur Verdüsterung des Bildes trägt auch Großvater Isaak mit seinem Spruch bei, dass alle sterben, nur er nicht. „Nun haben wir den Salat“, beginnt Alfred Kaufmann einen Brief vom 3. September und meint, der Beginn des Krieges sei das letzte Vabanquespiel, das Hitler sich leiste. Im Folgenden wird die Klage über die Verwandtschaft, die sich von der Not ihrer jüdischen Glaubensbrüder in Deutschland unbeeindruckt zeigt, immer lauter, zumal die luxemburgischen Behörden keinen dauernden Aufenthalt genehmigen wollen. Im Januar 1940 muss die Familie ihr Wohnzimmer verkaufen, damit Alfred Kaufmann sich einer Bruchoperation unterziehen kann. Er wünscht sich, loszukommen „vom Gnadenbrot meiner Schwiegereltern“. Am 27. März beschreibt er die mittlerweile fatale Lage seiner Familie als Pulverfass, auf dem man sitze. In seiner Not hat er an das Weiße Haus in Washington geschrieben, in der Hoffnung, es würden Kinder von Verwandten seines Vaters ausfindig gemacht, die ein Affidavit stellen könnten. Am 10. Mai überfallen deutsche Truppen das Großherzogtum Luxemburg. Noch an diesem, spätestens am folgenden Tag verlässt die Familie das kleine Land, geht nach Frankreich , erreicht die freie Zone und lebt dort überwacht (en résidence surveillée).

Als in Frankreichs freier Zone am 28. August eine Großrazzia stattfand, die vor allem deutschen und österreichischen Juden galt, fielen vermutlich auch Kaufmanns in deutsche Hände. Die nächste, zugleich letzte verlässliche Nachricht über ihr Schicksal ist ein Fernschreiben über ihren Transport nach Auschwitz. Da die zugehörige Liste den Großvater nicht nennt, muss angenommen werden, dass Isaak Kaufmann in der Zwischenzeit verstorben ist.

Ein Fernschreiben nach Berlin, Oranienburg und Auschwitz (Aktenzeichen XXVb-149) kündigt die Abfahrt von Transport D 901/22 an. Aus diesem Telex geht hervor, dass die Abfahrt vom Bahnhof Bourget/Drancy am
2. September um 8.55 Uhr erfolget und der Transport aus 1000 Juden bestand.

Es wird angenommen, dass etwa 30 Personen diesen Transport überlebt haben. Hinweise darauf, dass Alfred, Karoline oder Rosl Kaufmann darunter sein könnten, gibt es nicht.

© Text: Rainer Redies, Cannstatter Stolperstein-Initiative
© Bild: Staatsarchiv Ludwigsburg

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