Cannstatter Stolperstein-Initiative

Gunter Demnig verlegt am 17. Mai 2014 wieder Stolpersteine in Stuttgart

2014-04:
Deutschlandweit in rund 1.000 Orten sowie in 16 europäischen Staaten hat der Kölner Künstler Gunter Demnig im Rahmen seines mehrfach ausgezeichneten Kunstprojekts für Europa mittlerweile mehr als 45.000 Stolpersteine für Opfer des Nationalsozialismus verlegt.
Am Samstag, den 17. Mai 2014, wird er wieder nach Stuttgart kommen, um zwischen 9 und 16 Uhr insgesamt 18 Steine in der Innenstadt sowie in Cannstatt, Feuerbach, Vaihingen, Weilimdorf und Zuffenhausen zu setzen. In Stuttgart wird es damit über 770 Stolpersteine geben.
Die Stolpersteine werden in öffentliche Gehwege verlegt und gehen damit in das Eigentum der Stadt Stuttgart über.

Auf den Stolpersteinen selbst können immer nur knappe Angaben zum Schicksal der jeweiligen Person gemacht werden, doch die Ehrenamtlichen der Stolpersteininitiativen – in Stuttgart allein sind das 14 Stadtbezirksinitiativen und drei Arbeitskreise – haben das Schicksal der Opfer umfassend erforscht: Sie haben Akten im Stadtarchiv Stuttgart, im Hauptstaatsarchiv Stuttgart und im Landesarchiv Ludwigsburg eingesehen, sich mit Archiven in anderen Städten in Verbindung gesetzt, Datenbanken im Internet genutzt und weltweit versucht, Angehörige zu finden. Bei mehr als 45.000 Stolpersteinen ist Demnigs Kunstprojekt damit wohl auch zum größten deutschen Geschichtsprojekt geworden. Während die normale Geschichtsschreibung bei den Opfern meist nur Zahlen nennen kann, haben sich die Ehrenamtlichen hier den Einzelschicksalen genähert, haben durch Berichte und Erinnerungen sowie anderes Material hautnah erfahren, wie menschenverachtend im Zeichen des Nationalsozialismus mit Juden, Zeugen Jehovas, Behinderten, Homosexuellen, Andersdenkenden und Widerstand Leistenden umgegangen wurde. Sie haben aber immer wieder auch Zeichen gefunden, dass nicht alle Menschen die Ausgegrenzten im Stich gelassen haben.

Nicolas und Leya Zimbalist beispielsweise, die in der Eugenstraße 6 Stolpersteine erhalten, waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus dem damals zu Russland, heute zur Ukraine gehörenden Charkow vor den dortigen Anfeindungen gegen Juden ausgewandert. In Stuttgart fand der ausgebildete Militärmaßschneider schnell Arbeit. Als den Juden später nicht mehr erlaubt war, in Lebensmittelgeschäften einzukaufen, versteckte eine Bekannte, die regelmäßig auf dem Stuttgarter Wochenmarkt verkaufte, wöchentlich einen Korb mit Obst und Gemüse im Gebüsch des Alten Schlosses, dass die Zymbalists dann heimlich abholten. Der auf das Versteck aufmerksam gewordenen Gestapo erzählte sie, dass sie den Korb für den nächsten Markttag dort deponieren würde. Irgendwann wurde der Korb nicht mehr geleert: Am 1. Dezember 1941 war das Ehepaar in den Tod nach Riga deportiert worden.

Friederike Bloch betrieb seit 1930 in der Rotebühlstraße 1c (heute Rotebühlplatz 8) die bekannte Gaststätte Bloch und wohnte im Stockwerk darüber. Bei der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurde alles zerstört. Doch sie gab nicht auf und eröffnete nach zwei Wochen erneut. Die Behörden erlaubten dies, weil es die einzige jüdische Gaststätte in Stuttgart war – bis zu ihrer Deportation am 22. August 1942 nach Theresienstadt. Ermordet wurde sie in Treblinka.

Clara und Alfred Hamburger hatten ihre renommiertes Konfektionshaus in Reutlingen unter dem Druck der Obrigkeit aufgeben müssen. Sie waren im Frühjahr 1936 nach Stuttgart in die Feuerleinstraße 4 gezogen, einem Haus mit jüdischem Besitzer. Gebaut hatten es Oskar Bloch und Ernst Guggenheimer, von denen auch das Jüdische Waisenhaus in Esslingen stammte. Auch das Ehepaar Hamburger wurde im August 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo beide den Tod fanden.

An Opfer der “Euthanasie”, der Ermordung von behinderten Menschen, sollen Stolpersteine in der Schmidener Straße 38, der Niedernauer Straße 12 und der Hofener Straße 84a in Bad Cannstatt erinnern. Diese Adressen liegen in nächster Umgebung der Behinderteneinrichtung Haus von Galen, deren Namensgeber als Münsteraner Bischof öffentlich gegen die NS-“Euthanasie” Stellung bezogen und sie unverhohlen als Mord bezeichnet hatte. Die Bewohner der Einrichtung haben sich seit geraumer Zeit mit dem Thema “Euthanasie” auseinandergesetzt und werden das Gedenken an die Opfer bei den drei Verlegungen mitgestalten.

Auch in der Pforzheimer Straße 333 in Weilimdorf sowie der Wiener Straße 123 in Feuerbach wird mit Hans Bäuerle bzw. Erwin Wörn an Opfer der “Euthanasie” erinnert. Hans Bäuerle, geboren 1937, war vermutlich bereits behindert zur Welt gekommen, wurde aber von den Eltern daheim gepflegt. Schließlich kam er doch in die Kinderfachabteilung des Psychiatrischen Krankenhauses in Eichberg/Rheingau, wo er angeblich an einer “Hirnhautentzündung” bald starb. Tatsächlich wurde er ermordet. Der Kaufmann Erwin Wörn, Jahrgang 1897, kam 1925 wegen “Schizophrenie” in die Heilanstalt Weinsberg, von wo er am 19. August 1940 zur Ermordung nach Grafeneck verlegt wurde.

Julius Noppel, an den mit einem Stolperstein in der Kirchtalstraße 6 in Zuffenhausen erinnert werden soll, war Mitglied der KPD. Er wurde von den Nazis verhaftet und kam in eine Strafkompanie. Vermutlich war es das Strafbataillon 999, in das Kommunisten, Deserteure und wegen geringer Verbrechen vorbestrafte Männer kamen, die an besonders gefährlichen Frontabschnitten zu sogenannten “Himmelfahrtskommandos” eingesetzt wurden. Julius Noppel starb 1943 im heftig umkämpften Charkow in Russland. Die Nationalsozialisten hatten hier nach dem deutschen Einmarsch im Oktober 1941 innerhalb von kurzer Zeit allein rund 16.000 Juden erschossen.

Schließlich wird in der Koppentalstraße 6 an das Ehepaar Else und Erich Kahn gedacht. Erich Kahn war Lehrer und Kantor in der Synagoge von Randegg bei Konstanz, als ein von NS-Leuten geworfener Sprengsatz am 10. November 1938 die Synagoge samt seiner Wohnung zerstörte. Daraufhin kam er im September 1939 nach Stuttgart, wo er an der jüdischen Schule noch unterrichten konnte, vielleicht wollte er hier auch die Auswanderung vorantreiben. Mit anderen wurde er dann dazu bestimmt, für den reibungslosen Ablauf der Deportation nach Riga am 1. Dezember 1941 zu sorgen und diese organisatorisch wie seelsorgerisch zu begleiten. Weil Else und Erich Kahn arbeitsfähig waren, blieben sie vorerst am Leben. Anfang Oktober 1944 kamen sie von Riga in das Konzentrationslager Stutthof, wo sie nach wenigen Wochen den Tod fanden (siehe auch weiter unten den Hinweis zur Buchvorstellung).

Verlegungsplan für Stolpersteine in Stuttgart am Samstag, 17. Mai 2014

Die im nachfolgenden Plan angegebenen Uhrzeiten können nur eine grobe Orientierung für den vorgesehenen Zeitpunkt der Verlegung sein. Verschiebungen lassen sich trotz sorgfältiger Planung leider nicht ganz ausschließen. Änderungen sind möglich. Aufgrund des eng bemessenen Zeitplans kann Gunter Demnig an den vor Ort stattfindenden Rahmenveranstaltungen jeweils nur kurz teilnehmen! Wer bei einer Steinverlegung dabei sein will, sollte sich deshalb möglichst frühzeitig am Verlegungsort einfinden.

9:00 Uhr S- Nord, Birkenwaldstraße 105: 2 Steine für Paul + Antonie OESTERREICHER

9:25 Uhr S-West, Feuerleinstraße 4: 2 Steine für Clara + Alfred HAMBURGER

9:50 Uhr S-Mitte, Rotebühlplatz 8: 1 Stein für Friederike BLOCH
10:15 Uhr S-Mitte, Eugenstraße 6: 2 Steine für Nicolas + Leya CYMBALIST

10:40 Uhr S-Ost, Luisenplatz 1: 1 Stein für Johannes BARTL
11:00 Uhr S-Ost, Rotenbergstraße 116: 1 Stein für Konrad JÄGER

11:30 Uhr Bad Cannstatt, Schmidener Straße 38: 1 Stein für Paul STRÖBEL
11:45 Uhr Bad Cannstatt, Niedernauer Straße 12: 1 Stein für Willy MUNDINGER
12:00 Uhr Bad-Cannstatt, Hofener Straße 84a: 1 Stein für Johanna GRAU

(12:15 bis 13:15 Mittagspause, Treffpunkt Haus von Galen, Gnesener Straße 85 in Bad Cannstatt)

13:30 Uhr S-Zuffenhausen, Kirchtalstraße 6: 1 Stein für Julius NOPPEL

14:00 Uhr S-Weilimdorf, Pforzheimer Straße 333: 1 Stein für Hans BÄUERLE

14:20 Uhr S-Feuerbach, Wiener Straße 123: 1 Stein für Erwin WÖRN

15:15 Uhr S-Vaihingen, Bachstraße 22: 1 Stein für Wilhelm MERK

15:30 Uhr S-Nord, Koppentalstraße 6: 2 Steine für Else und Erich KAHN

Gedenkveranstaltung mit Buchvorstellung

Im Anschluss an die letzte Verlegung sind alle Beteiligten und Gäste herzlich eingeladen zur Gedenkveranstaltung mit Vorstellung des Buchs von Annegret Braun

„Else Kahn, geb. Jeselsohn, eine Lebensgeschichte - Nachgetragene Würde – nachgetragene Liebe“

Im Gemeindehaus der Evangelischen Gedächtniskirchengemeinde, Seidenstraße 73, 70176 Stuttgart.
Beginn gegen 16:15 Uhr.

Veranstalter sind die Evangelische Gedächtnis- und Rosenberggemeinde mit der Geschichtswerkstatt Stuttgart-Nord e.V. und dem Initiativkreis Stolpersteine für Stuttgart-Nord.

Mehr Infos über die einzelnen Stadtteilinitiativen — im Internet auf der Website der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen unter www.stolpersteine-stuttgart.de — und in der Tagespresse!

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