Cannstatter Stolperstein-Initiative

Stolpersteinverlegung am 23. Mai 2015

2015-05-18
GEDENKEN DEZENTRALWO DIE OPFER WOHNTEN
ÜBER 800 STOLPERSTEINE WERDEN NACH DER VERLEGUNG AM 23. MAI 2015
IN STUTTGART ZUM ERINNERN EINLADEN

70 Jahre nach Kriegsende und Befreiung finden große Gedenkfeiern für die Opfer des nationalsozialistischen Deutschlands in der Regel dort statt, wo oftmals nach qualvollen Leiden tausende, hunderttausende oder mehr Menschen ihr Leben verloren haben. Die Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig verfolgen einen etwas anderen Ansatz. Die Betonquader mit Gedenktafeln aus Messing, die in öffentliche Gehwege eingelassen werden, sollen dort an ein Opfer erinnern, wo dieses seinen letzten selbst gewählten Wohnsitz hatte. “Hier wohnte” steht darauf, dann ein Name, das Geburtsjahr und das Schicksal, das mit der Ermordung endet. Wer zu einem “Stolperstein”, über den man selbstverständlich nur gedanklich stolpern soll, hinunterschaut, der verbeugt sich unwillkürlich vor dem Opfer. Stolpersteine erinnern an alle Opfer des Nationalsozialismus, ungeachtet ob es Juden, Sinti und Roma, politisch Verfolgte, Homosexuelle, Zeugen Jehova oder Behinderte sind.

Am Samstag vor Pfingsten, 23. Mai 2015, wird Gunter Demnig in Stuttgart 15 weitere Stolpersteine verlegen, verteilt von Bad Cannstatt und Feuerbach über Stuttgart-Mitte, -Ost, -Süd und -West bis nach Vaihingen und Zuffenhausen. Unterschiedlich sind auch die auf den Steinen genannten Todesorte, zu denen Riga, Treblinka und Izbica gehören, aber auch Grafeneck und die Stuttgarter Türlenstraße, Vaihingen und Bad Cannstatt. Insgesamt wird es nach dieser Verlegung über 800 Stolpersteine in Stuttgart geben, die an Menschen erinnern, die in unserer Stadt wohnten und dann aus verschiedensten Gründen unrechtmäßig vom deutschen NS-Staat – und damit im Namen aller Deutschen – ermordet oder in den Tod getrieben wurden.

Karin Weininger (9:00 Uhr, Zuffenhausen) war nur vier Monate alt, als sie in der “Kinderfachabteilung” der Städtischen Kinderklinik in der Türlenstraße 22a zu Tode kam. Hier wurden Kinder mit erb- und anlagebedingten schweren Leiden zur Beobachtung und entsprechenden Behandlung aufgenommen, was in der Regel die Tötung bedeutete. In Stuttgart sind 52 derartige Fälle nachgewiesen.

Pauline Mall (9:30 Uhr, Feuerbach) wurde ebenso wie Hedwig Bühler (10:20 Uhr, Süd) ein Opfer des “Euthanasie”programms in Grafeneck. Von Hedwig Bühler ist bekannt, dass sie im Alter von 19 Jahren psychische Probleme bekam und 1931 in die Heilanstalt Winnental eingewiesen wurde, von wo sie vor fast genau 75 Jahren, am 30. Mai 1940, mit einem der berüchtigten “Grauen Busse” zur Ermordung abgeholt wurde. Auch Anna Robertson (11:50 Uhr, Ost), Eugen Armbruster (12:10 Uhr, Ost) und Eduard Eger (12:30 Uhr, Ost) wurden in Grafeneck ermordet.

Ganz anders liegt der Fall bei Katharina Karanowa (10:00 Uhr, Vaihingen). Die 27-jährige Russin musste dort, wo heute das Regierungspräsidium steht, als Zwangsarbeiterin in dem Metall-Schmelzwerk Schmidt arbeiten. Durch einen Sprung in kochendes Aluminium entzog sie sich im August 1944 weiteren Demütigungen und Qualen.

Adolf und Lina Schäfer (10:40 Uhr, West) werden von früheren Nachbarn als freundlich und hilfsbereit beschrieben. Das jüdische Ehepaar wurde 1942 in das völlig überfüllte Durchgangsgetto Izbica bei Lublin in Polen deportiert. Sofern sie nicht dort schon ihr Leben verloren, endete dies in einem der Vernichtungslager in Belzec oder Sobibor. Auch Markus und Anna Inschir (11:00 Uhr, Mitte) teilten dieses Schicksal. Beide waren um 1900 aus Odessa nach Stuttgart gekommen, wo Markus Inschir erfolgreich einen Tabakwarenhandel betrieb. In den Tod nach Riga in Lettland wurde dagegen der Kaufmann Walter Marx (11:00 Uhr, Mitte) deportiert.

Luise Lepman (11:30 Uhr, Ost) war 1878 in der Hirschstraße in Stuttgart zur Welt gekommen. Als Witwe hatte sie 1920 in zweiter Ehe den Feuerbacher Bettfedernfabrikanten Leopold Monroe Lepman geheiratet, der 1926 starb. Seit 1932 lebte sie in der Gerokstraße. 1942 wurde sie ebenfalls nach Izbica deportiert. Schülerinnen und Schüler der amerikanischen Patch High School in Stuttgart-Vaihingen haben diesen Stolperstein gespendet und sich intensiv mit dem Schicksal von Luise Lepman beschäftigt. Sie werden sich auch an der Verlegung beteiligen.

Vom Schrecken des Synagogenbrandes überwältigt, nahm sich die Jüdin Ida Carlebach (12:45 Uhr, Bad Cannstatt) schon im November 1938 das Leben. Sophie Dreifuß (13:00 Uhr, Bad Cannstatt) erlitt 1942 das Schicksal der Deportation nach Theresienstadt und wurde von dort in das in Polen gelegene Vernichtungslager Treblinka gebracht.

Verlegung der Stolpersteine am 23. Mai 2015 in Stuttgart

9:00 Uhr, Zuffenhausen, Ingelfingerstr. 5, 1 Stein für Karin WEININGER

9:30 Uhr, Feuerbach, Klagenfurter Str. 39, 1 Stein für Pauline MALL

10:00 Uhr, Vaihingen, Schockenriedstr. 1-11, 1 Stein für Katharina KARANOWA

10:20 Uhr, S-Süd, Möhringer Str. 48, 1 Stein für Hedwig BÜHLER

10:40 Uhr, S-West, Elisabethenstr. 40, 2 Steine für Adolf und Lina SCHÄFER

11:00 Uhr, S-Mitte, Gerberstr. 30 und 31, 2 Steine für Markus und Anna INSCHIR, 1 Stein für Walter MARX

11:30 Uhr, S-Ost, Gerokstr. 70, 1 Stein für Luise LEPMAN

11:50 Uhr, S-Ost, Einkornstr. 28, 1 Stein für Anna ROBERTSON

12:10 Uhr, S-Ost, Hackstr. 80, 1 Stein für Eugen ARMBRUSTER

12:30 Uhr, S-Ost, Haussmannstr. 270, 1 Stein für Eduard EGER

12:45 Uhr, Cannstatt, Dürrheimer Str. 5, 1 Stein für Ida CARLEBACH

13:00 Uhr, Cannstatt, Kreuznacher Str. 11, 1 Stein für Sophie DREIFUSS

Mehr Informationen zur Stolpersteinverlegung und weitere Aktivitäten erhalten Sie über die einzelnen Stadtteilinitiativen. Weitere Informationen über die Stolpersteine in Stuttgart und die Stuttgarter Stolpersteininitiativen finden Sie im Internet unter www.stolpersteine-stuttgart.de, über Stolpersteine allgemein und Gunter Demnig unter www.stolpersteine.com. Alle Stuttgarter Stolpersteininitiativen würden sich über Unterstützung freuen, beispielsweise bei der Erforschung der Lebensgeschichten von weiteren Opfern des Nationalsozialismus.

Für die Stuttgarter Initiativen
10.05.2015 - Werner Schmidt

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