Cannstatter Stolperstein-Initiative

Bertha und Jakob Jordan

Bertha Jordan, Foto undatiert.Jakob Jordan, Foto undatiert. In Zaberfeld, Oberamt Brackenheim, wo es seit 1745 eine kleine jüdische Minderheit gab1, kam Jakob Jordan am 5. September 1874 zur Welt. Mit 30 Jahren heiratete er am 26. Januar 1904 in Karlsruhe Bertha Wertheimer. In ihrem Geburtsort Bodersweiher, heute zu Kehl gehörig, hatte tags zuvor die bürgerliche Eheschließung stattgefunden. Noch im selben Jahr muss es das Paar nach Cannstatt gezogen haben, weil der Sohn Willy im November in der damaligen Oberamtsstadt zur Welt kam. Seelbergstraße 16 lautet die Anschrift der Jordans seit 1909, Werderstraße 2 (heute Frösnerstraße) seit 1914 ab 1918 finden wir sie dann in der Karlstraße 58 (heute Daimlerstraße). Aus dieser Zeit hat sich ein „Zeugnis“ des Cannstatter Stadtschultheißenamts erhalten, mit dem Frau Bertha Jordan bestätigt wird, dass ihrem Plan einer Reise nach Straßburg kein Hindernis im Wege steht. Ob die Fotos der beiden mit dieser oder mit weiteren Reisen im Zusammenhang stehen, lässt sich nicht mehr klären.

Jakob Jordan war Viehhändler. Unter manchen emanzipationsbestrebten Juden war sein Gewerbe wenig angesehen. „Solche Berufe, das war ihre feste Überzeugung, waren die Wurzel des deutschen Antisemitismus und bildeten ein Haupthindernis auf dem Weg zur vollen Akzeptanz der Juden in der Masse der deutschen Gesellschaft.“2 Für die Bauern hingegen hatten sie als Käufer und Verkäufer, nebenbei auch als Nachrichtenübermittler eine wichtige Funktion. Willy JordanWilly Jordan, Foto undatiert., der nach Amerika auswandern konnte und nach dem Ende der NS-Herrschaft „Wiedergutmachung“ beantragte, hat sich erinnert, dass sein Vater bis 1939 an Viehhandelsgesellschaften beteiligt war und sich dann selbständig machte.3 „Seine Stallungen“, heißt es an anderer Stelle, „waren in Wurzach (Rössle) und in Memmingen (Bayern). Er war etwa 25 Jahre mit der Firma Lindauer assoziiert. In späteren Jahren hatte er auch Stallungen in Bad Cannstatt, Ulrichstraße 8 [seit 1937 Teinacher Straße] mit S.& E. Wertheimer und ungefähr bis 1935, als er kaum noch arbeiten konnte, in einer Stallung in Cannstatt, soviel ich weiß war der Name Traube. Er beschäftigte verschiedene Knechte und hatte kein Auto, aber Pferdegeschirre.“4

Bei der „Wiedergutmachung“ wurde davon ausgegangen, dass die Einrichtung der von Familie Jordan bewohnten 5-Zimmerwohnung 10.000,- Reichsmark wert war. Seine Eltern hätten sich mit Auswanderungsabsichten getragen, erinnerte sich Willy Jordan, und hätten deshalb Angebote in dieser Höhe erhalten. Allein eine aus Ledersofa und zwei Ledersesseln bestehende Sitzgruppe, die ungefähr 1930 von der Cannstatter Firma Laemmle angefertigt worden sei, habe 1.500,- Reichsmark gekostet. Dass die Jordans ein gutes Auskommen hatten, darf unterstellt werden. Der Viehhandelsverband Württ.-Hohenzollern schätzte es später auf mehr als 5.000,- RM jährlich. Ebenso berechtigt ist die Annahme, dass es seit 1933 kontinuierlich zurückging. Dazu hat mit Sicherheit beigetragen, dass Jakob Jordans monatliche Unterstützung von 104,95 Reichsmark ab 1. Januar 1939 unter Hinweis auf einen Erlass vom 5. Dezember 1938 “eingestellt” wurde, wie die städtische Geschäftssstelle Abteilung Wohlfahrtswesen im Dezember 1938 intern mitteilte. 1939 ist Jakob auch nicht mehr als Viehhändler, sondern als Vertreter im Adressbuch eingetragen. 1941 und 1942 lesen wir dann Privatmann und als Adresse Uhlandstraße 14 A.

Im August 1939 waren die Stuttgarter Juden aufgefordert worden, sich in jüdischem Hausbesitz einzumieten. Warum die Jordans aber ausgerechnet in die Uhlandstraße und nicht ins benachbarte „Judenhaus“ Daimlerstraße 56 zogen, bleibt im Dunkeln. Die Adressbücher nennen als Eigentümer der Häuser Uhlandstraße 14 A und B „S Oppenheimer Erben“, vermutlich Juden. Jüdische Bewohner sind jedoch erstmals 1939 in eines der beiden Häuser eingezogen: im zweiten Stock von 14 A ein Dentist und im vierten Stock ein pensionierter Lehrer. Im Jahr darauf musste der Dentist seine Etage schon mit zwei jüdischen Witwen teilen, wahrscheinlich eine Auswirkung der „Regelung der Mietverhältnisse mit den Juden“ vom August 1939. 1941 mussten sich bereits vier Parteien in die Etage teilen: der Dentist, eine Witwe (die andere war vielleicht gestorben oder „evakuiert“ worden), ein Angestellter und die Jordans. 1942 sind nur noch die Jordans und der Angestellte übrig, der Dentist war inzwischen nach Riga deportiert, der pensionierte Lehrer aus dem vierten Stock nach Eschenau zwangsevakuiert worden. Später wurde er im selben Transport wir die Jordans nach Theresienstadt deportiert. 1943 ist das Haus Uhlandstraße 14A, wiewohl laut Adressbuch noch im Besitz der S. Oppenheimer Erben, „judenfrei“. Den zweiten Stock bewohnt jetzt ein Reichsangestellter.

Mehr als ein Zimmer dürfte Bertha und Jakob Jordan in der Uhlandstraße nicht zur Verfügung gestanden haben. Den größeren Teil ihres Hausrats mussten sie deshalb vor dem Umzug verschleudern. Das Wenige, was ihnen geblieben war, konnten sie dann nach Haigerloch in die Haagstraße 238 mitnehmen als sie, vermutlich gegen Ende 1941 dorthin zwangsevakuiert wurden. Dann erlitten sie das gleiche Schicksal wie ihre Nachbarn und Kollegen Oppenheimer aus der Daimlerstraße: Am 19. August wurden sie zunächst nach Stuttgart zurückgebracht. „Drei bestellte Waggons mit zusammen 136 Menschen aus Haigerloch bei Hechingen wurden nacheinander in drei Zügen zunächst über die Hohenzollerische Landesbahn nach Eyach geführt und anschließend mit Regelzügen der Reichsbahn über Tübingen nach Stuttgart befördert.“ Hier folgten in der Ehrenhalle des Reichsnährstandes auf dem Killesberg zwei Nächte des Wahnsinns und des Grauens (Resi Weglein), dann der Fußmarsch zum Nordbahnhof und schließlich der Transport in Viehwaggons ins Konzentrationslager Theresienstadt. Dort überlebten die Jordans einen Monat und vier Tage, ehe sie sie mit dem Todestransport Bs nach Treblinka deportiert wurden. „Als dieser Zug das böhmische Durchgangsghetto verlassen hatte, waren binnen elf Tagen aus Theresienstadt bereits 10 000 Menschen nach Treblinka verschleppt worden.“ Von Bertha und Jakob Jordan gab es danach kein Lebenszeichen mehr, sie wurden auf den 10. Oktober 1942 für tot erklärt.
Daimlerstraße 58, Stolpersteine verlegt am 12. April 2011.

© Text: Rainer Redies, Cannstatter Stolperstein-Initiative
© Bilder: Staatsarchiv Ludwigsburg und Anke Redies

  • 1. http://de.wikipedia.org/wiki/Zaberfeld/Religionen, Abfrage 19.02.2011
  • 2. Manuel Werner: Cannstatt – Neuffen – New York. Das Schicksal einer jüdischen Familie in Württemberg. Mit den Lebenserinnerungen von Walter Marx, S. 15
  • 3. Vgl. Zum Folgenden: StAL EL 350 I Bü 36185 und 36187, FL 300/33 I Bü 862; K 50 Bü 1852
  • 4. Es bleibt zu hoffen, dass weitere Recherchen, diesen etwas wirren Berichtsfaden aufnehmen und verdeutlichen können.

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