Cannstatter Stolperstein-Initiative

Elise Berger: Gelähmt nach Theresienstadt

Schon mit sieben Jahren wurde Elise Berger Vollwaise. Sie war das Kind jüdischer Eltern und wuchs danach in einer englischen Pflegefamilie auf. Auf einer Reise lernte sie 1902 ihren Mann kennen, der Kurator eines Privatparks an der italienischen Riviera war. Kriegsbedingt musste das Paar 1914 Italien verlassen und wurde in Stuttgart ansässig. Alwin Berger wurde königlicher Hofgartendirektor. Als er 1930 starb, war seine Frau nicht nur Witwe geworden, sondern auch des Schutzes beraubt, den die “Mischehe” mit einem „Arier“ für sie als Jüdin bedeutet hätte. Folglich wurde 1936 die Familie ihres Hauses in der Heidelberger Straße beraubt, und im Januar 1944 wurde die seit Jahren Schwerkranke nach Theresienstadt deportiert. Sie überlebte das Konzentrationslager nur wenige Wochen.

Zu den 33 456 Todesopfern von Theresienstadt gehört Elise Berger. Die fast 75-Jährige hat das Lager nur einen Monat überlebt und starb am 11. Februar 1944. Ein wenn auch lückenhaftes Bild ihres Lebens ergibt sich im Wesentlichen aus zwei Quellen: Die Akten der von ihrer Tochter Iris Verna betriebenen Wiedergutmachung1 enthalten einige biografische Hinweise. Weitaus ergiebiger ist ein 311-seitiges Typoskript2, das sie selbst verfasst hat, um ihren Kindern ein Lebensbild des Vaters Alwin Berger zu hinterlassen. Sie hat für dieses zeitgeschichtliche Dokument neben eigenen Erinnerungen eine Vielzahl von Dokumenten aus Familienbesitz verwertet, die höchstwahrscheinlich für immer verloren sind. Der Leser lernt Elise Berger als weltgewandte, polyglotte Autorin kennen, die sich mit dem Tag ihrer Verheiratung ganz in den Dienst ihrer Familie stellte.

„Hofgartendirektor a.D. Alwin Berger, 1915 bis 1923 Vorstand des Hofgartenamtes, später Leiter der Botanischen Abteilung der Württembergischen Naturaliensammlung“.3 starb am 21. April 1931 im Cannstatter Krankenhaus. Bald darauf hat seine Frau begonnen, sein ereignisreiches Leben aufzuschreiben. Ihr maschinenschriftlicher Bericht trägt eine handschriftliche Widmung von 1933, dem Jahr, in dem der Antisemitismus zur Staatsdoktrin wurde. War das Erinnerungswerk schon im Januar vollendet, oder hatte die Autorin die politische Umwälzung (noch) nicht zur Kenntnis genommen? Von der einsetzenden antisemitischen Hetze ist jedenfalls noch an keiner Stelle die Rede. War sich die Autorin ihrer jüdischen Herkunft und der Gefahr, die heraufzog, überhaupt bewusst? Die Frage stellt sich, weil sie an keiner Stelle auch nur andeutungsweise darauf eingeht. Selbst dort nicht, wo sie mit Juden in Kontakt kommt oder sich erinnert, dass ihr Sohn in jungen Jahren „sich der Hitler-Bewegung angeschlossen und … voller Begeisterung für die Sache“ (S. 263 f) war!

Elise Berger hat die Erinnerungen an ihren Mann in der Absicht niedergeschrieben, ihrem Sohn Fritz und der Tochter Iris Verna ein Lebensbild des Vaters zu hinterlassen. Es darf daher nicht verwundern, dass ein stark idealisiertes Porträt entstanden ist. So wenig sie ihrer Verehrung Zügel anlegte, wusste sie doch mit der Feder umzugehen und Dokumente, Briefe und Bilder für ihren Zweck einzusetzen und einen langen Text abwechslungsreich zu gestalten, insbesondere durch humorvoll erzählte Anekdoten. Mit Zitaten von Wieland, Bacon, Lenau und vielen anderen, die sie ihren Kapiteln voranstellt, zeigt sie sich mit englischer und deutscher Literatur vertraut. Entstanden ist eine durchaus objektive und zuverlässige Darstellung der Ereignisse, wie zahlreiche Stichproben erwiesen haben. Natürlich mussten, so sehr Elise Berger ihren Mann in den Mittelpunkt rückte, nach mehr als einem Vierteljahrhundert gemeinsamen Lebens zwangsläufig auch Hinweise auf ihr eigenes Leben einfließen, die im Folgenden Verwendung finden.

Unsere Protagonistin kam am 15. März 1869 in Heidelberg zur Welt.4. Als sie gerade sieben Jahre alt war, starben kurz nacheinander die Mutter im April und der Vater im Mai 1876. Dies mag erklären, dass sie über ihre frühe Kindheit kein Wort verliert, hingegen mehrfach ihren „lieben alten Pflegevater Dr. Southgate“ erwähnt, auch berichtet von einer alten Schulfreundin (S. 144) und zahlreichen Freunden in England (S. 81). Ihre englische Erziehung und englischen Anschauungen sowie ihre Vorliebe für alles Englische (S. 55) legen deshalb den Verdacht nahe, dass dass die Waise schon früh nach England kam und mit Sicherheit viele Jahre dort verbracht hat. In diese Sicht fügen sich – Ägypten war damals britisch beherrscht - auch einige Hinweise auf Kairo: Dort machte sie im Jahre 1900 die Bekanntschaft einer Dame, der sie viel später in Boston wieder begegnete (S. 270). Von Kairo kommend, schreibt sie ferner, lernte sie im Frühjahr 1902 Alwin Berger an der italienischen Riviera kennen. Mit aller Vorsicht dürfen wir also annehmen, dass Elise Berger mit etwa dreißig Jahren für längere Zeit nach Kairo ging und auch dorthin zurückgekehrt wäre, hätte sie nicht Alwin Berger geheiratet. Hinweise auf den Grund ihrer Aufenthalte in Kairo, enthalten die Aufzeichnungen nicht. Vielleicht hat sie eine Lehrtätigkeit ausgeübt, denn als Siebzehnjährige war sie am Karlsruher „Prinzessin-Wilhelm-Stift“. Es lässt sich allerdings nicht belegen, dass sie sich dort für den Unterricht an Volksschulen oder an höheren Mädchenschulen qualifiziert hat.

Alwin Berger war seit 1897 Kurator des Gartens La Mortola bei Ventimiglia, den der englische Quaker Sir Thomas Hanbury in der Absicht angelegt hatte, ihn fortwährend mit vorwiegend subtropischen Pflanzen aus aller Welt anzureichern. Durch Mr. Southgate, ihren Pflegevater, lernte Elise Keller, wie sie damals noch hieß, im Frühjahr 1902 in Menton Sir Thomas kennen, der sie nach La Mortola einlud und ihr dort seinen Kurator Berger vorstellte. Sir Thomas schlug ihr vor, den kleinen englischen Führer, der am Eingangstor jedem Besucher gratis überreicht wird, ins Deutsche zu übersetzen. „Von Pflanzen wusste ich absolut nichts! Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was die succulents, die im Führer häufig erwähnt wurden, seien. Sir Thomas zeigte Vater meine ‚Übersetzung‘. Dieser las sie durch und gab sie mit den Worten zurück: ‚It’s translated – but it isn’t German!“ Unsere erste Unterhaltung führten wir in Englisch, dann meinte Vater, für eine geborene Heidelbergerin sei es doch angebracht, sich in der Muttersprache zu unterhalten.“ (S. 54)

So begann der Lebensabschnitt Elise Bergers, über den wir am meisten wissen. Er war von zwei politisch bedingten Brüchen bestimmt: Als Italien 1915 an der Seite der Alliierten in den Krieg eintrat, mussten Bergers das Land verlassen. Die überstürzte Abreise war verlustreich für die Familie, die Umstellung auf neue Verhältnisse in Cannstatt anstrengend und zum Teil problematisch. Vor allem trübte es die Stimmung auf Jahre hinaus, dass Alwin Berger sich nach der Riviera zurücksehnte und von dem Garten abgeschnitten war, den er 18 Jahre lang maßgeblich gestaltet hatte. Der zweite Bruch in Alwin Bergers Karriere war eine Folge der Revolution von 1918. Geplatzt war der Traum, für König Ferdinand von Bulgarien in Thrakien ein zweites La Mortola zu schaffen, denn das von Bulgarien eroberte Gebiet fiel an Griechenland zurück und der König musste abdanken. Zwei Jahre vor der Revolution war Berger anlässlich des 25-jährigen Regierungsjubiläums von König Wilhelm II. zum Hofgartendirektor ernannt und mit dem Wilhelmskreuz ausgezeichnet worden, nun wurde er ausgebootet und musste der Not gehorchend eine Stellung in den USA antreten, was eine längere Trennung von der Familie bedeutete.

Wenn ihres Mannes Jahre in La Mortola „die schönste Zeit seines Lebens“ (S. 29) waren, so trifft das für Elise Bergers erste dort verbrachte Jahre zweifellos ebenso zu. „Mit Freude“, schreibt sie, „folgte ich einer Einladung der Familie Hanbury, den Sommer in La Mortola zu verbringen, anstatt, wie ich die Absicht hatte, nach England zu reisen, um im Herbst wieder nach Kairo zurückzukehren. Da ich mich auf irgendeine Weise nützlich machen wollte, wurde ich sozusagen Vaters Assistentin, ohne einen Dunst von Botanik zu haben.“ Elise Kellers Tätigkeit bestand aus englisch und französisch zu schreibenden Briefen, Korrekturen und der Katalogisierung der La-Mortola-Bibliothek. Nebenbei fand sie Zeit, nachmittags im Garten zu sitzen und an einer Decke zu sticken. Gelegentlich bat sie Mr. Berger zum afternoon-tea, der wiederum sie zu einem Museumsbesuch einlud, aber noch waren beide Seiten bemüht, sich ironisch auf Distanz zu halten. Ein alter Dorfbewohner von La Mortola scheint früh verstanden zu haben, worauf die Sache hinauslief, als er anlässlich eines Festes im Juni die „gentile signorina ed il caro signor Berger“ hochleben ließ. „War es nun der gute Wein oder das hübsche weiße Kleid, kurzum Vater wurde an diesem Abend äußerst liebenswürdig. Anstatt der üblichen ironischen Bemerkungen ertönten ganz andere Worte.“ (S. 57) Mit der folgenden Anekdote schildert Elise Berger die weitere Annäherung anlässlich des bevorstehenden Geburtstages von Alwin Berger: „Häufig hatte ich ihn bei der Arbeit von der Seite betrachtet und heimlich festgestellt, dass er mit einigen ‚Abänderungen‘ ganz anders aussehen könne. So fuhr ich nach Mentone und kaufte ein: Zuerst hübsche Krawatten und hellgrauen englischen Flanell für einen Anzug, eine Haarbürste sowie einen Rasierspiegel. Auch ein Geburtstagskuchen fehlte nicht. Die vielen nützlichen Gaben, denen eine schriftliche deutsche ‘Gebrauchsanweisung’ beilag, erregten keinen Unwillen, wie ich befürchtet hatte. Im Gegenteil: Das Geburtstagskind schien über über diese ‚Aufmerksamkeiten‘ freudig überrascht.“ (S. 57)

Die folgenden Monate verlebte Elise Keller in Bordighera, Weihnachten feierte das Paar „recht vergnügt“ gemeinsam, und im März 1903 kehre sie nach La Mortola zurück, „um unser künftiges Heim einzurichten“ (S. 58). Am 6. April 1903 heiraten Elise Keller und Alwin Berger in Genua. Als Trauzeuge brachte der mitgereiste Sir Thomas Hanbury seine Wertschätzung des Paares zum Ausdruck. Dieser noble Gentleman gewährte seinem Kurator große Freiheit, was beiden zum Vorteil gereichte: Alwin Berger gewann Ansehen in der wissenschaftlichen Welt und La Mortola wurde zum Reiseziel von Forschern und Gartenfreunden aus aller Welt. Sie gastlich zu bewirten, hatte sich Elise Berger zur Aufgabe gemacht. Zu den bekanntesten Persönlichkeiten, die zur Besichtigung und zum Gedankenaustausch nach La Mortola kamen und zu Freunden der Bergers wurden, seien beispielhaft der berühmte Zoologe Ernst Haeckel herausgegriffen, ferner der Afrikaforscher Georg Schweinfurth und Karl Hagenbeck, Gründer des Tierparkt in Hamburg-Stellingen. Diese und viele andere Freundschaften, die zum Teil in Bergers Jugend zurückreichen hat das Paar hingebungsvoll gepflegt. Als die politisch bedingten Brüche in Bergers Karriere eintraten, waren deshalb immer wieder Fachgenossen bereit, ihm mit Rat, Empfehlung oder konkretem Angebot zu helfen.

Mit erkennbarer Genugtuung berichtet Elise Berger auch über zahlreiche Besuche regierender Monarchen und ihrer Angehörigen. Von Sir Hanbury darauf hingewiesen, dass Bergers ein Söhnlein bekommen haben, gratulierten der Herzog und die Herzogin von Sachsen-Meiningen schriftlich und hofften „Auf baldiges Wiedersehen“. Prinz Albrecht von Preußen (Regent von Braunschweig) „lief Arm in Arm mit Vater durch den Garten“ und Großherzogin Marie von Mecklenburg schenkte ihm als Andenken eine Brillantnadel. Königin Margherita von Italien sang Alwin Berger „Alt Heidelberg du feine“ vor, als sie erfuhr, dass seine Frau dort geboren war. Später trug sie sich ins Gästebuch der Familie ein. Freundschaftliche und anhaltende Wertschätzung erwiesen den Bergers König Ferdinand von Bulgarien sowie Großherzog Friedrich und Großherzogin Luise von Baden. Folgende Anekdote aus dem Jahr 1909, die Elise Berger erzählt gibt die Stimmung in La Mortola sehr schön wieder: Das treue, aber leseunkundige Faktotum Angiolina hatte nicht bemerkt dass es sich bei sechs Besuchern, die mit Chauffeuren vorgefahren waren, um die italienische Königinmutter mit Begleitung handelte. Als das Missgeschick deutlich wurde und Alwin Berger eiligst herbeigeholt war, „begann sein atemloses Suchen nach der Königin. Er traf sie, als sie den Garten schon verlassen wollte. Er konnte ihr noch die schönsten Teile zeigen. Inzwischen hatte ich Verna mit einem großen Blumenstrauß ans Tor gestellt, um die Königin zu erwarten. Wie sich Vater mit ihrer Majestät dem Ausgang nähert, sieht die Königin das Kind von weitem und fragt ‚Chi è questa bambina?“ Vater erwidert, er wisse es nicht. Beim Näherkommen sieht er, wer dort oben wartet und teilt es der Königin mit. Diese lacht und meint: ‚Haben Sie so viele Kinder, dass Sie dieselben nicht kennen?‘ Verna machte ihre Sache gut und wurde mit einem königlichen Kuss belohnt (S. 103).

In dieser unbeschwerten Atmosphäre freundlicher Anerkennung, fruchtbarer Arbeit und ertragreichen Austauschs mit Fachgenossen, an dem Elise Berger lebhaften Anteil nahm, wurde ihre Familie größer. Am 10. April 1904 kam der Sohn Fritz zur Welt, sein Pate wurde Geheimrat Gustav Adolf Engler, ordentlicher Professor der Universität Berlin und Direktor des Botanischen Gartens und Botanischen Museums in Dahlem. Zwei Jahre später, am 13. Mai 1906 folgte Iris Verna. Ihr Mann glaubte, erinnert sich Elise Berger, „dass diese ‚Spezies‘ noch nicht existiere. Wie groß war daher seine Überraschung, als ihm Mr. Lynch aus dem Bot. Garten im Cambridge eine ganze Menge blühender Iris verna L als Gratulationsgruß sandte.“ (S. 83)

Als Sir Thomas Hanbury im September 1907 überraschend starb, verlor die Familie einen Freund und Alwin Berger einen überaus generösen Arbeitgeber. In der Folge schränkten Landy Hanbury und ihr Sohn Cecil die ihrem Kurator bis dahin gewährte Freiheit empfindlich ein und ließen zunehmend antideutsche Ressentiments spüren. Dennoch schlug er Angebote des Kolonialministers Dernburg und der Großherzogin von Baden aus, zu sehr war er mit La Mortola verwachsen. Ungeachtet mancher Kränkungen ist es ihm seiner Frau zufolge in den folgenden Jahren gelungen, das Ansehen La Mortolas in der Fachwelt weiter zu erhöhen. Als jedoch absehbar wurde, dass Italien an der Seite der Alliierten gegen Deutschland am Ersten Weltkrieg teilnehmen würde, wurde die Lage der Bergers immer unsicherer.

Im April 1914 war Elise Berger noch einmal nach England gereist. “Es war das erste Mal, dass ich Mann und Kinder verließ.” (S. 143) Nach 15 Jahren wollte sie alte Freunde wiedersehen. Ihr Bericht beschränkt sich auf die Teilnahme am „Official Banquet“ einer Peace Society. „Der vielen Reden kurzer Sinn war: ‚Never war with Germany.‘“ (S. 144) Ob sie anlässlich dieses England-Aufenthaltes auch ihren Pflegevater Dr. Southgate getroffen hat, geht aus dem knappen Bericht nicht hervor. Wenig später hat er sie mit antideutschen Ressentiments schwer bekümmert: „Er, der sein ganzes Leben dem Studium unserer deutschen Musik gewidmet hat, in dessen Hause Clara Schumann, [Joseph] Joachim u. [Johannes] Brahms gastliche Aufnahme gefunden hatten, schien plötzlich von allen guten Geistern verlassen. Er war ein Opfer der englischen Kriegspropaganda geworden.“ (S. 154) Dass die Bergers ihrerseits keinerlei Zweifel an der Gerechtigkeit der deutschen Sache hegten, muss an dieser Stelle hinzugefügt werden. Elise teilte uneingeschränkt die Deutschland-Deutschland-über-alles-Einstellung ihres Mannes (SS. 296, 300). Aus heutiger Sicht ist kaum nachvollziehbar, dass die beiden 1927 einer „großen“ politischen Rede Stresemanns im Ausland-Institut beiwohnen und wenig später einer Einladung zum Tee-Nachmittag des Tannenberg Bundes mit General Ludendorff (S. 289) Folge leisten. Die beiden Ereignisse werden unmittelbar nacheinander und ohne jede Wertung berichtet. Die politisch naiv-nationale Elise Berger berichtet die Ereignisse wohl vor allem, um zu unterstreichen, welches Ansehen ihr Mann genoss.

Zurück an die Riviera. Von ihrem Sommerurlaub in die Seealpen nach Tenda ließ sich die Familie auch durch das Attentat von Sarajewo nicht abhalten. Bald aber musste sie die Realität zur Kenntnis nehmen: Die Rückreise nach Ventimiglie und La Mortola verzögerte sich zunächst, und sie war, da die Strecke zum Teil auf französischem Gebiet verlief, mit der Gefahr verbunden, verhaftet zu werden. Alwin Berger zog deshalb den Umweg über Turin vor, seine Frau riskierte mit den Kindern die Busfahrt. „Es war ein heikles Unternehmen – doch es gelang. Mit Koffer und Kisten fuhren wir, uns in die Ecke der hintersten Bank drückend, ‚mutig durch Feindesland‘.“ (S. 160) Die Tage der Bergers in Italien waren nun gezählt. Cecil Hanbury forderte sie im Februar 1915 ultimativ zur Abreise auf, die am 22. erfolgte. „Wir wollten den Frühzug nach Genua benützen. […] Noch waren wir beim Ankleiden und hatten noch nicht gefrühstückt, da klopft jemand an unserer verschlossenen Türe. Vater öffnet, und Jeanne, die Haushälterin, bittet Vater unter vielen Entschuldigungen ihrerseits und reichlichen Tränen, er möchte es ihr nicht übelnehmen, aber sie sei beauftragt, uns alle Schlüssel abzunehmen. Wir dürften nur das Allernötigste mitnehmen. Es sei Lady Hanbury’s Befehl und sie müsse ihm gehorchen. Einen großen Koffer mit Wäsche und anderen nötigen Sachen mussten wir stehen lassen! Es knüpften sich an all den zurückgelassenen Hausrat so viele Erinnerungen an einstige Zeiten des Glücks, an Trauriges und Bitteres, dass es uns unfassbar schien, alles liegen und stehen lassen zu müssen, um ins Ungewisse zu ziehen. Wie verarmt kamen wir uns vor, als wir mit unseren Kindern die Casa Nirvana auf immer verließen! Nie werde ich den Blick vergessen, den Vater beim Verlassen vom ‚Pontetto‘ aus über seinen geliebten Garten schweifen ließ. Er war totenblass und dem Umsinken nahe. Hand in Hand stiegen wir schweigend zum Tor hinauf.“ (S. 166)

In Deutschland machte die Familie zunächst in Karlsruhe Station. „Die Großherzogin Luise hatte uns schon bei unserer Ankunft durch ihre Kammerfrau ihre Hilfe angeboten und ließ uns einige Tage darauf zu sich bitten. Ihre Kgl. Hoheit kam uns mit ausgestreckten Händen entgegen und führte uns in ihr kleines einfaches Privatwohnzimmer. Dort mussten wir vor einem Gemälde des Großherzogs Platz nehmen und ihr ausführlich alle Geschehnisse erzählen. […] Als Vater ihr von seiner bevorstehenden Reise nach Sofia erzählte, beauftragte sie ihn, den König von ihr zu grüßen. Ein paar Tage später durfte ich die Großherzogin bei ihrem Besuch im Lazarett begleiten und konnte im Stillen ihre Wohltätigkeit bewundern.“ (S. 170 f)

Für die Fortsetzung seiner Laufbahn konnte Alwin Berger unter sieben Angeboten wählen. Unter anderem hatte ihn König Ferdinand von Bulgarien eingeladen und wollte sich seiner Dienste versichern. Die Wahl fiel jedoch auf die Stelle eines Königlich Württembergischen Hofgartendirektors. „Am 13. März [1915], gerade vier Wochen nachdem Cecil Hanbury ihn entlassen, stellte sich Vater in Stuttgart beim Oberhofmarschall [Stauffenberg] im Alten Schloss vor. Seine Anstellung war ohne jegliches Zutun seinerseits eine vollendete Tatsache. Wie er uns schrieb, hatte Prof. Kirchners5 Empfehlung das Wunder bewirkt.“ (S. 175) Bergers bezogen eine Dienstwohnung in der Wilhelma Familie Berger in der Wilhelma (undatiert). , und die Stellung bei Hofe bot Annehmlichkeiten wie freien Zugang zu den königlichen Theatern, aber auch ungewohnte Verpflichtungen zu Antrittsbesuchen bei Hofbeamten und Regierungsmitgliedern. „Bei den besonders bezeichneten Namen sollte ich ihn begleiten. Nun mussten wir jeden Sonntag Vormittag nach Stuttgart, um die verschiedensten Leute aufzusuchen. Bisher hatten wir sozusagen fern von der ‚Zivilisation‘ gelebt. […] Es war daher nicht verwunderlich, dass wir uns manchen Verstoß gegen ‚gute Sitten‘ zuschulden kommen ließen. Als Vater bei Geh. Hofrat Sachs am ersten Sonntag im Filzhut erschien, machte dieser sofort die Bemerkung: ‘Wo ist Ihr Zylinder, Herr Direktor?’.” (S. 192) Drei auf diese Weise angebahnte Bekanntschaften entwickelten sich zu Freundschaften. Es blieben nicht die einzigen. Die Kontaktfreudigen Bergers scheinen Zugang zu mehreren alteingesessenen Cannstatter Familien gefunden zu haben, zumal die „lieben Daimlers“6 werden häufig erwähnt.

Ungeachtet des Ansehens, das er genoss, kam Alwin Berger über den erzwungenen Abschied von La Mortola nicht hinweg. Seine ungestillte Sehnsucht, Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit Kollegen und zwei Erkrankungen lagen wie Schatten über der Familie. Dazu kamen Lebensmittelknappheit, schlimme Nachrichten vom Kriegsschauplatz und Fliegerangriffe.7 Sie waren, schreibt Elise Berger, „in der Wilhelma besonders gefahrvoll. Der Keller unseres alten Wohnhauses bot keinen sicheren Schutz. Bei jedem Fliegerangriff mussten wir ins neuerbaute Hofwaschgebäude flüchten. […] Wir saßen dann mit anderen Familien oft stundenlang auf improvisierten Bänken und lauschten zitternd und bebend den gewaltigen Bombeneinschlägen. Fritz […] freute sich, als er nach einem nächtlichen Angriff vor unserer Haustür ein Stück eines noch glühenden Schrapnellgeschosses fand.“ (S. 194)

Als nach der Revolution im November 1918 die königliche Hofhaltung aufgelöst wurde, war Alwin Berger einer von zwei „höheren Hofbeamten, die sich nicht der neuen Regierung zur Verfügung stellten und ihre Gesinnung sofort wechselten“. (S. 200) In der Folgezeit setzte er sich nachdrücklich für die Umwandlung der Wilhelma in einen volkstümlichen botanischen Garten ein, aber im Finanzministerium, dem die Gärten nun unterstanden, hatte man ihm seine Königstreue offenbar nicht verziehen. Im November 1919 erfuhr er mit seiner Wahl in den seit 1885 bestehenden Cannstatter „Apostelkranz noch eine Genugtuung. Die streng auf zwölf Mitglieder beschränkte Runde, traf sich, um reihum Vorträge der einzelnen Mitglieder anzuhören. Bald darauf, im Juni 1920, sieht sich Berger unversehens aus dem Gartenbetrieb ausgeschlossen (207), und Ende November legt er sein Amt als Hofgartendirektor nieder (208). Wieder steht Elise Berger vor der Aufgabe, ihren sensiblen Mann, der zur Resignation neigt, eben davor zu bewahren. Als deshalb ein Angebot der New York State Agricultural Experiment Station eintraf, zögerte sie keinen Moment, ihn zur Annahme zu bewegen, wohl wissend, wie schmerzlich die lange Trennung für sie sein würde. „Endlich ein Lichtblick in der ihn so schwer bedrückenden Lage! Alle Lebensfreude war geschwunden, es gab Stunden, wo er schier verzweifelte. […] Immer schwieriger wurde es, ihn aufzumuntern und ihn zu zerstreuen, nichts machte ihm mehr Freude, seine Nerven waren total zerrüttet.“ (S. 224) Die Aufgabe in Amerika sollte 10 bis 15 Monate in Anspruch nehmen. „Wie sollten wir“, fragt Elise Berger bang, „die so eng miteinander verbunden waren, eine so lange Trennung ertragen.“ (S. 226) Berger ließ sich in den zeitweiligen Ruhestand versetzen und trat am 8. April seine Reise an. Elise Berger begleitete ihn nach auf einer Abschiedsreise zu Freunden in seinem Geburtsort Möschlitz und Berlin.

In den folgenden Monaten erreichte in Deutschland die Inflation ihren Höhepunkt und die Familie begann über Auswanderung nachzudenken. Tief betroffen von einem Bericht seiner Frau, schrieb Alwin Berger am 4. Oktober: „Ich würde es jetzt für den Gipfel der Grausamkeit halten, wenn ich Euch auch nur einen Tag länger in Deutschland schmachten lassen wollte!“ (S. 259) Noch während der Brief unterwegs war ließ Elise Berger sich vom Städtischen Fürsorgeamt bestätigen, dass aus armenrechtlichen Gründen einer Auswanderung nichts im Wege stand. Im Deutschen Ausland-Institut ließ sie sich am 10. Oktober in Auswanderungsfragen beraten und bekam am folgenden Tag gegen 10 Millionen Mark einen Pass für sich und Verna ausgestellt. Zu den Laufereien und Aufregungen dieser Wochen kam, dass Elise Berger zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, ob ihr Mann auf Dauer in Amerika bleiben würde oder ob sich eine Chance zur Rückkehr ergeben würde. Wieder einmal sollte sie von liebgewonnene Freunden und insbesondere von Fritz Abschied nehmen, der seine Ausbildung in Heidelberg fortsetzte. Sorge bereitete auch, dass Verna, da in Italien geboren, der längst erschöpften italienischen Einwanderungsquote zugerechnet wurde. Aufregung gab es selbst in letzter Minute, weil ein Freund in Hamburg, der sie zum Hafen bringen wollte, in die entgegengesetzte Richtung fuhr. „Um noch die ‚Hansa‘ zu erreichen, mussten wir ein Motorboot mieten und kamen nach kurzer aufregender Fahrt glücklich ans Schiff. Die ‚Überfahrt‘ kostete allerdings 2 Billionen Mark, denn am Tage unserer Abreise hatte der Dollar seinen Höhepunkt erreicht, und in Hamburg verweigerte man deutsches Papiergeld. Beim Betreten des ‚Gangways‘ wurde uns zu unserem großen Entsetzen mitgeteilt, dass wir nicht mitfahren durften.“ Weil die beiden nicht auf dem vorgeschriebenen Weg gekommen waren, durften sie erst nach bangem Warten das Schiff betreten und mussten sich einem Verhör durch den amerikanischen Konsul unterziehen. Ende November war das Ziel New York erreicht. Die New York State Agricultural Experiment Station hatte auf Alwin Bergers Bitte mit einem Empfehlungsschreiben bewirkt, das die befürchteten Schwierigkeiten wegen Verna italienischer Geburt ausgeräumt waren. Auch der Zoll wurde anstandslos passiert, obwohl je eine Flasche Rotwein und Cognac mit dem Gepäck gegen die Prohibition verstießen.

Über zwei in New York verbrachte Tage berichtet Elise Berger wenig: Verna sah einen „als Kellner funktionierenden Nigger“, sie selber entsetzte sich über den „Schmutz auf den taghell erleuchteten eleganten Straßen“. In der „großartigen und sehr sauber gehaltenen Great Central Railway Station“ (S. 267) begann die Reise nach Geneva (NY), dem Sitz der New York State Agricultural Experiment Station. Ihre dortige Dienstwohnung beschreibt Elise Berger so: „Zwei Zimmer und eine Küche standen uns vorerst zur Verfügung. Später erhielten wir noch ein weiteres großes, helles Zimmer. Unter uns wohnte eine Familie Dahlberg. Neben uns hatten zwei Junggesellen ihre Zimmer. Am Ende des langen Korridors hauste eine von allen gefürchtete und verhasste Jungfer, die Sekretärin von Direktor Thatcher. Über uns wohnte der Hausverwalter, der ‚janitor‘ mit seinen beiden unartigen, lärmenden Kindern. Das ganze große, einst schöne Gebäude war jetzt völlig baufällig. […] Bei Regenwetter drang das Wasser durch die Decke und ergoss sich in die Zimmer. Keines der Scheibenfenster ließ sich schließen. […] Die sanitäre Einrichtung war unter aller Beschreibung primitiv. Für 18 Bewohner ein Badezimmer und zwei WC im Erdgeschoss.“ (S. 268) Weihnachten unter diesen Umständen war zu viel für Elise Berger: „Die Sehnsucht nach der Heimat, nach deutschen Weihnachtsglocken, die hier gänzlich fehlten, nach richtiger Weihnachtsstimmung überfiel mich. Mein körperliches Befinden ließ seit Monaten viel zu wünschen übrig – nun versagten die Nerven.“ (S. 269) Heimweh überkam die ganze Familie, als sie im April in Rochester dem Konzert einer schwäbischen Gesangsgruppe beiwohnte: „Wie nun die schönen wohlbekannten Silcherlieder erklangen, erfasste uns aufs Neue die Sehnsucht nach der Heimat. Wir heulten alle drei!“ (S. 270) Eine Reise nach Boston – „Es glich Old England!“ – zählt zu den wenigen Lichtblicken im Bericht über die Zeit in den Vereinigten Staaten. Ansonsten: „Wie sollte es uns in einem Lande gefallen, in dem einem niemand die Hand zum Gruße reichte? […] Die Menschen erschienen uns mit wenigen Ausnahmen uninteressant und trotz college education nur oberflächlich gebildet. In Gesellschaft unterhíelten sich die Herren über Sport und ihre Autos und erzählten sich dumme Witze. Die Damen spielten stundenlang ‚Bridge‘.“ (S. 271)

Als Alwin Berger einen Kollegen, der von Kakteen keine Ahnung hatte, ausführlich beraten hatte, brachte er seinen Sohn Fritz als Gärtner ins Gespräch, der alsbald einwilligte, nach Amerika zu kommen, um eine Stelle in Arizona anzutreten. Für das Reisegeld ihres Bruders arbeitete Verna täglich einige Stunden im Büro ihres Vaters, Frau Berger trug mit Französischunterricht ihren Anteil dazu bei. Am 28. August, Alwin Bergers Geburtstag, und an Weihnachten 1925 war die Familie zum letzten Mal vollzählig vereint. Im Januar 1926 reiste Fritz nach Arizona, und nur vier Wochen später bot das Württembergische Kultministeriums Alwin Berger an, die botanischen Bestände der Naturaliensammlung im Nebenamt zu verwalten. Mit gleicher Post trug die Universität Gießen Berger das Amt des Garteninspektors am Botanischen Garten an. „Welches unverhoffte Glück, welch‘ herrliche Schicksalswendung! Nach dem lieben Stuttgart zurückzukehren und all die lieben Freunde wiederzusehen, Tatgtäglich hatten wir uns danach gesehnt, denn keiner von uns fühlte sich in Geneva heimisch.“ (S. 280)

Unter Bergers Kollegen löste der Entschluss zur Heimkehr Bedauern und Erstaunen, ja Unverständnis aus, sie konnten nicht verstehen, dass er seine souverän errungene Stellung aufgeben und in das politisch instabile, verarmte Deutschland zurückkehren wollte. Dessen ungeachtet verließ die Familie am 4. Oktober Geneva und ging zwei Tage später an Bord der „Bremen“. Elise Berger berichtet von einer herrlichen Überfahrt auf dem schwach besetzten Schiff. Ein Hoffnungszeichen war ihr, dass beim Auslaufen des Schiffes ein Zeppelin am wolkenlosen Himmel kreiste. Eine Gruppe deutscher Ingenieure, die von einer Studienreise zurückkehrten, brachte beim Bunten Abend mit einem „Gedicht“ zum Ausdruck, was sie von den Vereinigten Staaten hielt: „Alles Bluff!“ Elise Berger hat das chauvinistische Machwerk seiner „wahrheitstreuen“ Schilderung wegen festgehalten.

Ein erstes Wiedersehen gab es in Berlin, wo die „lieben Daimlers“ inzwischen wohnten und den Heimkehrern ein festliches Abendessen im Freundeskreis ausrichteten. Nach fröhlichen Tagen in der Reichshauptstadt wurde die Freundin Marthel Ratz in Erfurt besucht. Dann reiste Alwin Berger voraus, um das zwischenzeitlich aus der Ferne erworbene Häuschen zu besichtigen, wenige Tage später folgten seine Frau und Verna nach. „Nun wohnten wir oben am Steigfriedhof in einem äußerst bescheidenen Siedlungshäuschen. Aber sein Garten sollte uns für die niederen kleinen Räume mit der Zeit vollauf entschädigen. […] Trotzdem es nicht so einfach war, unsere vielen Siebensachen unterzubringen, gelang es uns, die Zimmer wohnlich einzurichten. An den langen Winterabenden hatte jeder von uns sein bestimmtes Plätzchen in der Nähe des Kachelofens. Vater las uns dann aus Fritz Reuters Werken von. Stets liebte er eine Erzählung, über die man lachen konnte. So wurden wir nie müde, ihm zuzuhören, und ergötzten uns immer wieder von neuem daran. […] Wie viel schöner als in Geneva verbrachten wir den Sylvesterabend 1926! Wer von uns dreien hätte es sich im vergangenen Jahre träumen lassen, dass uns die Glocken der alten Cannstatter Stadtkirche das Jahr 1927 verkünden würden!“ (S. 288) Zur Silbernen Hochzeit im April 1925 telegrafierte Fritz Glückwünsche aus Arizona. Alwin Berger erfreute seine Frau mit einem großen Korb Rivierablumen.

Über die folgenden Jahre berichtet Elise Berger erfreut von Besuchen alter Freunde und Fachgenossen. Groß ist auch ihre Genugtuung darüber, dass ihr Mann in der Fachwelt immer noch hohes Ansehen genießt. Es publiziert in Zeitschriften, und er wird zu Vorträgen und zur Mitwirkung an wissenschaftlichen Werken eingeladen. Als Berater eines reichen Gartenliebhabers fährt er im Frühjahr 1929 für einige Wochen an die Riviera und sieht nach 14 Jahren seine einstige Wirkungsstätte La Mortola wieder. Sehnsucht, dorthin zurückzukehren, empfindet er nicht. „Unser Schwobeländle“, schreibt er in einer seiner langen Berichte nach Hause, sei viel schöner als die Riviera mit den mittlerweile entstandenen „garstigen Blumenkulturen“. Im folgenden Jahr wird er nach Spanien gerufen, wo sich ein reicher Kaufmann an der katalanischen Küste bei Blanes einen Garten nach dem Vorbild von La Mortola schaffen wollte. Über La Mortola und Bordighera, wo er „noch etwas verdienen“ muss (S. 310), kehrt er abgemagert, erschöpft und krank nach Cannstatt zurück. Von nun an ist Elise Berger in ständiger Sorge um seine Gesundheit. Als er von einer Exkursion ins Engadin angeschlagen zurückkehrt, werden aus den Sorgen Vorahnungen, die sich bestätigen, als der Unermüdliche im Januar 1930 am Arbeitstisch zusammenbricht. Ein Spaziergang um die Altenburg, den die Familie Anfang April unternimmt, lässt noch einmal Hoffnung aufkommen, aber nur Tage später setzt eine vom Hausarzt verkannte Blinddarmentzündung am 21. April seinem Leben ein Ende.

„Mir das Leben ohne Vater vorzustellen, war mir unmöglich“, schreibt Elise Berger (S. 316), doch fand sie in den folgenden Monaten immerhin die Kraft, das Leben ihres Mannes nachzuzeichnen, mit dem ihr eigenes über mehr als ein Vierteljahrhundert eng verbunden war. Noch war sie überzeugt, im schönsten und in jeder Hinsicht besten Land dieser Welt zu leben. Dass dies eine Illusion war, muss Frau Berger durch die 1933 einsetzenden antisemitischen Aktionen und Parolen früher oder später erkannt haben. Hat sie schon klargesehen, als um die Mitte der Dreißigerjahre eine folgenreiche Erkrankung einsetzte? Unter Benennung von zwei Zeuginnen schrieb Verna 1947, dass ihre Mutter, als sie 1944 deportiert wurde „schon acht Jahre gelähmt und in völlig hilflosem Zustand“ war. Zu ihrem körperlichen Leiden und aufkommenden Gefühlen von Bedrohung und Schutzlosigkeit bei einer schmalen Rente von 110,12 RM kamen erzwungene Umzüge: In der Zeit ihrer beginnenden Erkrankung muss Elise Berger ihr Haus Heidelberger Straße 44 verlassen und ein maximal 50 Quadratmeter großes Appartement in der Brenzstraße 24 beziehen. Dass ihr Auszug unter Druck erfolgte, geht aus dem Adressbuch 1936 hervor. Neuer Eigentümer des 1929 von Alwin Berger erworbenen Hauses ist die in Sachen „Arisierung“ rigoros agierende Stadt Stuttgart. Frau Bergers Bankguthaben betrug, als es sich die Oberfinanzdirektion im Februar 1944 aneignete, nur 882,52 RM. Es hat ihr also nicht nur die Stadt ihr Haus geraubt, sondern der Kaufpreis wurde ihr vermutlich auf einem gesperrten Konto vorenthalten.

Sollte die mittlerweile 68-jährige Witwe gehofft haben, den Rest ihres Lebens zurückgezogen in der Brenzstraße verbringen zu können, so sah sie sich bald getäuscht. Mit der von den braunen Machthabern angestrebten und seit 1939 durchgeführten „Scheidung zwischen Ariern und Juden“ blieben die Freunde aus, erhöhte sich der Verfolgungsdruck. Schneller als es das städtische Adressbuch registrieren konnte, musste Elise Berger zunächst in die Seestraße 114, dann in die Kernerstraße 11 umziehen. Vielleicht hat sie auch in diesen „Judenhäusern“ immer noch gehofft, als Witwe eines „Ariers“ wenigstens vor dem Schlimmsten bewahrt zu bleiben, aber auch dies blieb ihr versagt. Man kann sich leicht vorstellen, wie viel Lebensmut und –kraft der schwer behinderten alten Dame nach drei Umzüge in immer beengtere Wohnverhältnisse, bei mangelhafter Ernährung und immer schärferer Diskriminierung verblieben waren, als sie am 10. Januar 1944 zur Gestapo zitiert wurde. An diesem Tag „mussten sich 35 in Stuttgart ansässige Juden, die in Mischehe gelebt hatten, deren Ehe aber infolge Tod oder Scheidung nicht mehr bestand, im Hotel Silber bei der Gestapo einfinden. Sie wurden in einen großen Saal geführt, wo ihnen erklärt wurde, dass sie alle verhaftet seien und nach Theresienstadt kämen. Dann wurden sie auf Lastwagen nach Hause gefahren, wo sie das Nötigste zum Transport einpacken mussten.< Die Nacht darauf verbrachten sie im jüdischen Gemeindehaus in der Hospitalstraße, und am nächsten Tag fuhren sie mit der Bahn nach Theresienstadt.“8 Die betagten Menschen können sich kaum Illusionen über den Zweck dieser aufgezwungenen Reise hingegeben haben, denn zu dieser Zeit waren schon über 2000 Juden von Stuttgart aus nach Osten deportiert worden, ohne dass ein einziges Hoffnungszeichen zurückgekommen war. Dass Elise Berger die Trennung von ihrer Tochter und die quälend lange Bahnfahrt nach Theresienstadt ohne ausreichende Verpflegung lebend überstanden hat, geht aus dem Bericht einer Mitgefangenen hervor, die im Dezember 1945 an Eides statt erklärt hat, dass sie ziemlich genau einen Monat nach ihrer Ankunft im Lager einen Schlaganfall erlitt, den sie nur drei Tage überlebte.Schüler der Altenburgschule haben sich auf die Stolpersteinverlegung vorbereitet und sie mitgestaltet.Heidelberger Straße 44. Stolperstein verlegt am 20. Mai 2009.



© Text: Rainer Redies, Cannstatter Stolperstein-Initiative
© Bilder: Alwin-Berger-Archiv, Möschlitz, Staatsarchiv Ludwigsburg, Anke Redies

  • 1. StAL EL 350 I Bü 838
  • 2. Lutz Schmalfuß vom Alwin-Berger-Archiv in Möschlitz sei an dieser Stelle für die Überlassung einer Kopie und stetigen Gedankenaustausch gedankt.
  • 3. Kohlhaas, Wilhelm, Chronik der Stadt Stuttgart. 1918-1933. Stuttgart [1964]
  • 4. Vgl. z.B. ihren Antrag auf Ausstellung eines Reisepasses. StA Ludwigsburg F 215 Bü 3
  • 5. Kirchner war der erste Gast des jungen Paares in La Mortola gewesen. (S. 63) Oskar Kirchner war von 1881 bis 1917 ordentlicher Professor für Botanik an der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim, die ihn 1922 zum Dr. h.c. ernannte. Seine Spezialgebiete waren Pflanzenkrankheiten und Pflanzenschutz. (Mitteilung Universität Hohenheim, Pressestelle, vom 27.07, 2010
  • 6. Es handelt sich, wie Lutz Schmalfuß vom Alwin-Berger-Archiv ermittelt hat, um Familie Baurat Paul Daimler, die ??? nach Berlin verzog.
  • 7. Dem Luftkrieg fielen bis 1918 in Stuttgart 22 Personen zum Opfer, 78 wurden verletzt. (Kotzurek/Redies, Stuttgart von Tag zu Tag. 1900-1949. Tübingen 2009, S. 44)
  • 8. Maria Zelzer, Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden, S. 228. Eine Seite vorher bringt die Autorin Frau Berger irrtümlich mit der Massendeportation vom 22. August 1942 in Verbindung. Der Widerspruch zu den korrekten Deportations- und Todesdaten (S. 291) ist ihr offenbar entgangen. Vgl. zum Hergang dieser Deportation auch die Darstellung von Ilse Gabriele Nathan in: Margot Weiß (Hrsg.): Was mich aufrecht erhielt, war die Post … Postkarten aus Theresienstadt von Gertrud Nast-Kolb an ihre Tochter Ilse in Stuttgart. [Horb-Rexingen 2012], S. 20 f.

Sehr geehrter Herr Donath,

vielen Dank für Ihren Kommentar zu Elise Berger! Für den Fall, dass Sie sich über Alwin Berger informieren wollen, verweise ich auf das Alwin Berger Archiv, Herrn Lutz Schmalfuß, Burgker Str.19,07907 Möschlitz, 03663-400211.

Mit freundlichen Grüßen
Rainer Redies

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