Cannstatter Stolperstein-Initiative

Emil Loewe: Ein Gelehrtenleben endet im KZ

Eine greifbare Erinnerung an Dr. Emil Löwe besitzt die Württembergische Landesbibliothek: ein Exemplar seiner 1887 in Straßburg gedruckten Dissertation. Lateinisch abgefasst und seinen Eltern gewidmet, bestätigt sie seine Herkunft aus Ludwigsburg. Der übersetzte Titel lautet: Über die Figur des Äskulap. Inauguraldissertation, die Emil Löwe aus Ludwigsburg schrieb, um auf ordentliche Weise vom ehrwürdigsten Gremium der Philosophieordinarien der Straßburger Wilhelmsuniversität die höchsten Würden an der philosophischen Fakultät zu erlangen. Straßburg, J.H.Ed. Heitz (Heitz & Mündel) 1887. Emil Löwe war 76, als er genötigt wurde, seine langjährige Cannstatter Wohnung in der Liebenzeller Straße aufzugeben und in die Daimlerstraße umzuziehen.

Diese Notlage hat Prof. Dr. Joachim Schröder (Jahrgang 1925) in jungen Jahren miterlebt. Als Schüler der damaligen Johannes-Kepler-Oberschule hatte er selbst unter Diskriminierung zu leiden, weil seine Mutter Jüdin war. Später war er Chefarzt am Bürgerhospital und 1968 bis 1984 SPD-Abgeordneter im Landtag von Baden-Württemberg. Am 40. Jahrestag der „Reichskristallnacht“ hielt er am Gedenkstein für die Cannstatter Synagoge eine Rede und erwähnte u.a. „Dr. Emil Löwe, ein[en] Studienprofessor, ursprünglich aus Straßburg im Elsass, der dort 20 Jahre vorher als Deutscher ausgewiesen worden war. Er war bereits Mitte 70, wohnte zunächst […] in der Liebenzeller Straße. Ich habe ihn begleitet, als er in ein anderes Haus umziehen musste, und zog ihm seine paar Sachen auf einem Leiterwagen durch die Stadt. Dabei bat er mich dringend, ihm Tabletten zu besorgen, damit er sich vergiften könne. Aber ich wusste damals nicht wann und wie, hatte selber Angst, trug seine Habseligkeiten noch in seine kalte Dachkammer und sah ihn nie wieder.“ (Ackermann, S. 31)
Schröders Annahme, dass Löwe ursprünglich aus Straßburg stammt, dürfte wohl so zu interpretieren sein, dass er nach seiner Promotion dort berufstätig war, bis er nach dem Ersten Weltkrieg als Deutscher ausgewiesen wurde.
Aus der Dachkammer in der Daimlerstraße 56 wurde Emil Löwe zunächst in ein „Altersheim“ nach Eschenau verbracht. Das gab dem Finanzamt Heilbronn Gelegenheit, sich seines kleinen Wertpapierdepots zu bemächtigen, als er am 22. August 1942 den Weg nach Theresienstadt antreten musste, wo sein Leben am 16. Januar 1943 endete.Liebenzeller Straße 8, Stolperstein verlegt am 24. September 2007

Literatur:
Emil Loewe: De Aesculapi figura. Dissertatio inauguralis quam ad summos in philosophia honores. Ab amplissimo philosophorum ordine academiae Wilhelmae argentinensis rite impetrandos scripsit Aemilius Loewe Ludwigsburgensis. Argentorati J.H.Ed. Heitz (Heitz et Mündel Socii). MDCCCLXXXVII. Das Exemplar in der Württembergischen Landesbibliothek hat die Signatur Altert oct K 276.
Dorothee Ackermann: „Als Jude ausgeschlossen“. Über das Schicksal ehemaliger jüdischer Schüler am Johannes-Kepler-Gymnasium Bad Cannstatt. 1996
Die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Baden-Württemberg 1933-1945. Herausgegeben von der Archivdirektion Stuttgart. Stuttgart 1969
Zelzer, Maria: Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden. Ein Gedenkbuch, herausgegeben von der Stadt Stuttgart. Stuttgart o.J.

© Text: Rainer Redies, Cannstatter Stolpersteine
© Bilder Württembergische Landesbibiotjek, Staatsarchiv Ludwigsburg, Anke Redies

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