Cannstatter Stolperstein-Initiative

Helene Duffner: Nur eine säuberlich durchgestrichene Nummer?

Sie, von denen nicht mehr blieb als eine registrierte und schließlich säuberlich mit dem Lineal durchgestrichene Nummer, die namenlosen Summanden einer sprachlosen Summe. Einer, wie groß ihre Anzahl auch immer gewesen sein mag, nicht »erwähnenswerten« und beinahe vergessenen Minderheit, die im Gewissen der Vergangenheit keinen und in dem der Gegenwart nur wenig mehr Platz zu beanspruchen hat. Jener Minderheit der geistig Behinderten, Missgebildeten, Verkrüppelten oder gar Schwachsinnigen, die wir gern aus unserem Gesichtskreis rücken, in teuren und mit viel Aufwand gebauten Heimen abseits der großen Straßen unterbringen und damit glauben, unsere Pflicht getan zu haben.1

Helene Duffner (undatiert).Hinter solch einer säuberlich durchgestrichenen Nummer ist auch Maria Duffner aus Bad Cannstatt zu suchen. Wegen Depression mit Suizidgefahr wurde sie wird im Juli 1934 ins Bürgerhospital aufgenommen. Bewegt nahm sie Abschied von ihren beiden Töchtern, die sie begleitet haben. Den beiden ist die Veränderung ihrer Mutter seit zwei Jahren schon aufgefallen. Habe sie zuerst über Wechseljahrbeschwerden wie Herzklopfen, Hitzewallungen und Unwohlsein geklagt, leide sie seit einem halben Jahr darüber hinaus unter Schlaflosigkeit und zeige sich zunehmend im Wesen verändert, ziehe sich immer mehr zurück. Ihre enorme Vergesslichkeit falle auf. Seit wenigen Wochen mache sie sich außerdem Selbstvorwürfe, etwa wegen einer lange zurückliegenden belanglosen Streiterei. Maria Duffner, 1883 in Oberberken (Oberamt Schorndorf) geboren, ist zu diesem Zeitpunkt seit sechs Jahren verwitwet. Vor ihrer Ehe ging sie sieben Jahre ins Büro zur Arbeit. Dann war sie Hausfrau und Mutter, ein Kind ist ihr sehr früh gestorben. Als im Wesen sehr gutmütig, charakterisieren die Töchter ihre Mutter, sie komme mit jedermann gut aus, man habe sie überall gern. Die Mutter sei religiös, seit einigen Jahren habe sie eine “Stunde” besucht. Auch kritische Töne klingen im Bericht der Töchter an: Der Vater habe immer nachgeben und viel Nachsicht üben müssen, auch sei die Mutter in der Arbeit oberflächlich und an sich selbst nicht pünktlich. Koblenzer Straße 18, Stolperstein verlegt am 17. September 2012.Den Haushalt habe sie alleine nicht oder nicht richtig versehen können, immer hätte die Familie mithelfen müssen. Maria Duffner ist erst zwei Monate im Bürgerhospital, als ihre Tante stirbt, sie ist Miterbin, jedoch erweist sich, dass eine Pflegschaft eingerichtet werden muss, weil sie aufgrund ihrer Gemütskrankheit nicht geschäftsfähig ist. Der behandelnde Arzt legt Wert darauf, dass seiner Patientin der Tod ihrer Tante verschwiegen wird. Im Dezember - Frau Duffner ist bald ein halbes Jahr hospitalisiert - wird erneut das Vormundschaftsgericht bemüht, weil eine der beiden Töchter heiraten will, aber noch minderjährig ist. Die ärztlichen Diagnosen deuten auf eine Verschlimmerung des Zustandes hin, Frau Duffner wird Ende 1934 in die Heilanstalt Weissenau verlegt. Aus Sorge um das weitere Schicksal ihrer „lieben Mutter“ wenden die beiden Töchter sich wiederholt an die behandelnden Ärzte und bitten um Auskunft. So oft ihre Zeit es erlaubt, besuchen sie die Mutter, 1938 erwägen sogar, sie nach Hause zu nehmen, nötigenfalls eine größere Wohnung mit Badezimmer zu mieten. Eine der Schwestern hat den Plan brieflich in allen Einzelheiten einer Ärztin unterbreitet. Er war ganz sicher nicht realisierbar. Wenig später kündigt die andere Schwester derselben Ärztin ihren Besuch an. Im September des folgenden Jahres teilt sie der Anstalt ihre und ihrer Schwester neue Anschrift mit. Im August 1940 dürfte sie dann die Nachricht vom Tod ihrer Mutter erreicht haben. Ein Bus der Gemeinnützigen Kranken-Transport-G.m.b.H. (Gekrat) hatte sie am 1. August 1940 abgeholt und nach Grafeneck gebracht. Dort wie mehr als 10 000 andere als „namenloser Summand einer sprachlosen Summe“ vergast.

© Text: Cannstatter Stolperstein-Initiative, Rainer Redies
© Bilder: Stadtarchiv Stuttgart, Anke Redies

  • 1. Monika Taubitz: Dort geht Katharina oder Gesang im Feuerofen, Sigmaringen 1984, Seite 70

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