Cannstatter Stolperstein-Initiative

Hermann Würzburger: Abgeschoben aus dem Reich

Hermann Würzburger (undatiert).Hermann Würzburger1, heißt es in einer Verfügung des Finanzamts Heilbronn vom 4. Mai 1943, „wurde im Kalenderjahr 1942 ausgebürgert und aus dem Reich abgeschoben. Sein Vermögen wurde eingezogen.“ Was hatte dieser Hermann Würzburger verbrochen, dass er ausgebürgert und sein Vermögen eingezogen wurde? Im Sinne der NS-Moral war er von seinem ersten Lebenstag an schuldig, weil er als Kind jüdischer Eltern das Licht der Welt erblickt hatte. Das war am 29. März 1857 in Binau2, einem damals badischen Dörfchen im heutigen Neckar-Odenwald-Kreis. Seit Anfang des 18. Jahrhunderts gab es dort eine jüdische Gemeinde. Im Zweiten Weltkrieg - bittere Ironie der Geschichte! -residierte im Binauer Schloss die SS-Kommandantur der seit Herbst 1944 über die Region verteilten Außenlager des KZ Struthof-Natzweiler. Zu Würzburgers Leben ist wenig überliefert. Über die Zeit der Verfolgung des 80-Jährigen durch das NS-Regime geben einige Akten spärliche Auskunft, über seine jungen Jahre ließe sich allenfalls spekulieren. Er wohnte seit 1906 mit seiner Familie in der damaligen Oberamtsstadt Cannstatt, Brunnenstraße 55. Da er als Berufsbezeichnung Kaufmann angibt, wird er wohl eine entsprechende Ausbildung durchlaufen haben. Eine erste greifbare Spur seines Lebens gibt es 1888, als er sich mit Sofie Essinger verheiratet hat. Später war Hermann Würzburger Miteigentümer der Cannstatter Maschinenhandlung Essinger & Rosengart. Man darf aufgrund der Namensgleichheit vielleicht vermuten, dass es sich um eine Einheirat handelte. Aus der Ehe mit Sofie Essinger gingen drei Söhne hervor: 1889 Julius, 1899 Fritz und 1900 Hans. Ein 1892 geborenes Mädchen war schon im Jahr darauf gestorben. Als Sofie Würzburger 1915 starb, blieb ihr Mann mit den Söhnen in der Brunnenstraße wohnen. Er gehörte der israelitischen Gemeinde Cannstatt an, die ihn spätestens 1923 zum Kirchenvorsteher wählte3, ein Ehrenamt, das er vermutlich bis 1936 inne hatte, als die Cannstatter Gemeinde wieder mit der Stuttgarter vereinigt wurde.

Julius Würzburger (undatiert).Von den Söhnen war Julius, der älteste, zunächst zusammen mit dem Vater, dann alleiniger Inhaber von Essinger & Rosengart. Nach der Liquidation seiner Firma ist er ausgewandert, der genaue Zeitpunkt ist noch nicht ermittelt. Hans hat Chemie studiert und promoviert, er war Vorstandsmitglied der Firma A. Weißenburger und wurde 1936 entlassen. Fritz war Angestellter bei Essinger & Rosengart und sollte mit 40 Jahren als Teilhaber in das väterliche Unternehmen eintreten. Er ist im Jahre 1939 wahrscheinlich gemeinsam mit seinem Bruder Hans ausgewandert. Seitdem hat Hermann Würzburger alleine gelebt. Frau B., die 15 Jahre als Hausdame bei Hermann Würzburger arbeitete, hat im Zuge der „Wiedergutmachung“ nach dem Krieg über einen „guten und reichen Haushalt, der immer wieder erneuert wurde“, berichtet. Aus sieben Zimmern einschließlich Bügel- und Mädchenzimmer hätte die Wohnung bestanden. Eine hochwertige Ausstattung mit zum Teil geschnitzten Möbeln, Klavier und elektrischer Waschmaschine nebst Schleuder wurde von den Söhnen später aufgelistet und von ihren Anwälten mit 28.250,- RM bewertet.
Als Miteigentümer von Essinger und Rosengart erfreute sich Hermann Würzburger offensichtlich gediegenen Wohlstandes. Aus seinen Einkommensteuererklärungen geht hervor, dass er noch bis Ende 1937 Hausmädchen beschäftigte. Seine Vermögensverhältnisse werden erstmals im November 1935 greifbar, als er für knapp 29 500 RM ein Grundstück an das Haus Württemberg verkaufte4. Der Zeitpunkt dieses Geschäfts, der Käufer und die Tatsache, dass im Zuge von Restitution und Wiedergutmachung kein Anspruch geltend gemacht wurde, deuten darauf hin, dass dieser Verkauf aus freien Stücken erfolgte. Etwa in dieselbe Zeit muss die teilweise Übertragung von Essinger & Rosengart an seinen Sohn Julius gefallen sein. Der Plan, die Firma fortzuführen, ging aber nicht auf, denn mit immer neuen Schikanen und Einschränkungen wurden die Juden aus dem Geschäftsleben gedrängt. Ende 1938 folgten rasch aufeinander die „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“5 und die „Verordnung über Zwangsveräußerung jüdischer Gewerbebetriebe“6. Zum Jahresende erlosch die Firma Essinger & Rosengart. Es folgte der Verkauf des Anwesens Überkinger Straße 32 an die Stadt Stuttgart7 durch Julius Würzburger. Am 27. März 1939, dem Tag der Übereignung, überwies er seinem Vater 20.000,- RM „zur Erfüllung der gesetzlichen Unterhaltspflicht“. An Geld kann es dem alten Herrn also nicht gefehlt haben, zumal er noch bis 1939 Einkünfte aus der Firma bezog. Von 1935 bis 1938 war sein steuerpflichtiges Einkommen sogar von 4.576,- auf 8.796,- RM gestiegen. Finanziell gesehen durfte sich Hermann Würzburger also Hoffnung auf einen gesicherten Lebensabend machen, als er ungefähr Mitte des Jahres 1939 ins jüdische Altersheim8 Heidehofstraße 9 zog. Freilich erfolgte dieser Umzug gezwungenermaßen aufgrund des Reichsgesetzes über die Mietverhältnisse mit Juden. Außerdem hatte dieses Gesetz und seine Stuttgarter Umsetzung zu einer drangvollen Überfüllung der jüdischen Altersheime geführt. Viel Hausrat konnte Hermann Würzburger also vermutlich nicht mitnehmen. Um sein Tafelsilber brauchte er sich ohnehin nicht mehr zu kümmern. Zur systematischen Ausplünderung der Juden gehörte, dass ihnen die Ablieferung aller Edelmetalle auferlegt wurde. Die Stuttgarter Pfandleihanstalt hat ihm im Mai 1939 den Ankauf von 129 Teilen Silberbesteck und weiteren Wertgegenständen bestätigt. Für diese Beute von rund 7 kg wurden ihm von der „gemeinnützigen“ Pfandanstalt 202,- RM abzüglich 20,20 RM Gebühr erstattet.
Aufgrund der akuten Stuttgarter Wohnungsnot war die Stadt bestrebt, die Juden vollends hinauszudrängen und die jüdischen Altersheime an sich zu reißen. Die Bewohner der überfüllten Heidehofstraße 9 wurden deshalb Anfang Januar 1942 in das heruntergekommene Schloss Eschenau bei Heilbronn zwangsevakuiert. Hermann Würzburger musste zu diesem Zeitpunkt auf Befehl der Gestapo seine Wohnungseinrichtung einem Altwarenhändler überlassen. Unklar ist allerdings wo sie inzwischen gelagert war, denn die Wohnung in der Brunnenstraße hatten gleich nach seinem Auszug neue Mieter übernommen. Seine Habseligkeiten aus dem Altersheim konnte er vermutlich mit nach Eschenau nehmen. Das jüdische „Altersheim“ dort war in Wahrheit ein Getto, ein weiterer, aber nicht der letzte Schritt zu Verelendung und letztendlich Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Lange sollte Hermann Würzburgers Aufenthalt deshalb nicht dauern. Im August 1942 wurden mit rund 1000 betagten württembergischen Juden auch die Insassen der „Altersheime“ deportiert. Zuvor „wurde bekannt gegeben dass der Transport nach Theresienstadt ginge und dass dort jüdische Altersheime errichtet würden. Die Deportation nach Theresienstadt sei eine Bevorzugung.“ Alfred Marx der zu diesem Zeitpunkt Leiter der jüdischen Mittelstelle war, nannte als weiteren „Grund zu der Annahme dass es in Theresienstadt eine Lebensmöglichkeit geben würde, […] dass Juden, die flüssiges Vermögen besaßen, veranlasst wurden, sog. Heimeinkaufsverträge abzuschließen. Sie mussten ihr flüssiges Vermögen auf ein Konto der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland übertragen. Auf der anderen Seite wurde ihnen altersheimmäßige Unterbringung zugesagt. Es wurden zu diesem Zweck schriftliche Verträge auf eigens hierfür gelieferten Vordrucken abgeschlossen. Da das übrige Vermögen beschlagnahmt wurde, hat jedermann gerne einen solchen Vertrag abgeschlossen, weil er mit der Möglichkeit rechnete, von dem einbezahlten Geld einen Nutzen zu haben, sei es direkt oder wenigstens indirekt, weil er hoffte, dass mit der riesigen Summe, die auf diese Weise zusammenkam, in Theresienstadt erträgliche Lebensmöglichkeiten geschaffen würden.“9
So sehr man sich dieser Menschen schrittweise entledigte, waren die Finanzbehörden doch bestrebt, ihr Vermögen im Auge zu behalten. Noch für 1941 gab Würzburger gegenüber dem Finanzamt Heilbronn eine Steuererklärung über 420,- RM Jahreseinkünfte ab. In welchen Schritten genau seine restlose Enteignung erfolgte, lässt sich nicht mehr genau nachvollziehen.Wuerzburger-Hermann-Stein-NET.jpgAuf jeden Fall musste er die nach der Reichspogromnacht verhängte Judenvermögensabgabe entrichten. Außerdem hat Cannstatter Filiale der Dresdner Bank 1943 am 28. Januar 1.045,- RM vom laufenden Konto Würzburgers und am 15. Februar 9.630,62 RM Festgeld an die Finanzkasse Heilbronn überwiesen. Ferner hat sie „RM 22,- Nennwert Deutsche Ablösungsanleihe mit RM 1.125 Rückz. Wert Deutschen Auslosungsscheinen“ auf Veranlassung des Finanzamts Heilbronn an die Deutsche Reichsbank abgeliefert. Die Bank konnte sich 1951, als sie über den Vorgang Auskunft geben musste, nicht enthalten, ihrer Mitteilung hinzuzufügen, dass die „Verfügung dem Betroffenen am 21. August 1942 zugestellt worden ist“. Hermann Würzburger war zu diesem Zeitpunkt längst tot. Der 85-Jährige hat die Deportation nach Theresienstadt und die grausamen Verhältnisse dieses Konzentrationslagers nicht einmal zwei Monate überlebt. Als seine Söhne später Entschädigung für „Schaden an Leben“ des Vaters beantragten, wurde dies mit der Begründung abgewiesen, er habe zum Zeitpunkt seines Todes bereits das 53. Jahr vollendet. Juristisch gesehen war das sicherlich korrekt, dennoch drängt sich die Frage auf, ab wann bei solcher Betrachtungsweise der Wert eines Lebens gleich Null ist.

© Text: Rainer Redies, Cannstatter Stolperstein-Initiative
© Bilder: Staatsarchiv Ludwigsburg, privat, Anke Redies

  • 1. HStAL EL 350 I Bü 33364, 9647, 27810; FL 300/33 I Bü 8760; K 26 Bü 169
  • 2. Zum Folgenden siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Binau, abgefragt am 09.02.2011
  • 3. Verzeichnis der Behörden, Mitglieder und Vereine der Israelitischen Gemeinden, Stuttgart, Cannstatt, Esslingen, Göppingen, Heilbronn, Ludwigsburg, und Ulm […] 1923, 12. Jahrgang, 1928, 13. Jahrgang und 1929/30, 14. Jahrgang.
  • 4. Parzelle Nr. 2100 Acker Zelg Ihmling in Krailenshalden 65 a 40 qm.
  • 5. Am 12. November
  • 6. m 13. Dezember
  • 7. Chronik der Stadt Stuttgart, 1933-1945. Stuttgart 1982, S. 563.
  • 8. Zur Stuttgarter Wohnungspolitik und den jüdischen Altersheimen vgl. Roland Müller: Judenfeindschaft und Wohnungsnot. In: Der jüdische Friseur. Auf Spurensuche: Juden in Stuttgart-Ost. Tübingen und Stuttgart 1992.
  • 9. HStAS, EA 99/001, Bü 241

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