Cannstatter Stolperstein-Initiative

Lydia Nagel: Anklage aus den Kulissen dieser Welt?

Skrupellos und gründlich wie sie waren, haben die Nazis nicht nur ihre Opfer, sondern auch die Erinnerung an sie ausgelöscht. So stellt sich, will man die Lebensspur eines Euthanasieopfers verfolgen, stets die Frage, ob es wenigstens eine Akte gibt oder selbst dieser Zugang versperrt ist? Zu Lydia Nagel, deren Schicksal mich Jahre beschäftigt hat und wohl noch lange beschäftigen wird, gibt es so eine Akte, doch geht es auf diesen 76 Seiten mehr um Unterbringung, Verpflegung, Medikation, Körpergewicht und Kostenübernahme als dass sich biografische Hinweise fänden. Es ist also dürftig genug, was uns die vergilbten Papiere über eine Frau sagen, die zwar 80 Jahre alt geworden ist, aber nur sehr wenig erlebt hat. So mager diese Informationen auch sind, rufen sie doch, je länger ich sie auf mich wirken lasse, Assoziationen wach und setzen die Phantasie in Gang.

Müsste ich Lydia Nagels Leben malen, würde ich eher dunkle Pastelltöne wählen, vorzugsweise grau. Letzteres gilt besonders für die Jahre zwischen 1885 und 1922. Während dieser nahezu vier Jahrzehnte hätte ihr Leben eigentlich Farbe gewinnen, sich entfalten und eine Richtung einschlagen müssen. Es gibt kaum eine Andeutung darauf.

Nach einjährigem Aufenthalt in der Heil- und Pflegeanstalt Winnental war sie im Sommer 1885 von dort „als ‚genesen‘ beurlaubt“ worden. Die Formulierung verrät, dass die Ärzte wenig Vertrauen in die „Genesung“ setzten und wohl annahmen, die 25-Jährige würde bald wieder ihrer Obhut bedürfen. In dieser Erwartung sahen sie sich auf lange Zeit getäuscht. Lydia Nagel kehrte nach Cannstatt in die TeckstraßeMartin-Luther-Straße 37. Hier hat Lydia Nagel im Haushalt ihrer Schwester gelebt und gearbeitet.zurück und blieb dort 37 Jahre, zunächst bei der Mutter, später in der Familie ihrer Schwester als „Stütze“. Die Akten sagen nichts darüber, ob die Angehörigen ihrerseits Lydia gestützt haben, indem sie ihr eine Betätigung ermöglicht und ihrem Alltag Struktur gegeben haben. Denkbar ist immerhin, dass die Labile sich in die Familie und ihren alltäglichen Rhythmus eingebunden fühlte und dank dieser Struktur lange ohne professionelle Hilfe leben konnte.

Mit ihren Selbstvorwürfen und Skrupeln war Lydia sicher keine einfache Hausgenossin, aber die Mutter, später Schwester und Schwager, zuletzt noch der Neffe haben sich für sie verantwortlich gefühlt. War es womöglich so, dass die familiäre Fürsorge Lydias Schuldgefühle noch vergrößert hat? Erklärt dies, dass sie seit April 1922 „immer mehr arbeiten [wollte], um die Schwester für ihren Unterhalt zu entschädigen“? Zu den Schuldgefühlen kamen, die Hyperinflation hatte eingesetzt, „unaufhörliche Sorgen um die Entwertung ihres Vermögens“. Ich stelle mir vor, dass Lydia auch dieser begründeten Sorge zu entkommen versuchte, indem sie sich immer schwerere Lasten auflud, bis die „Stütze“ zusammenbrach.

In die grauen 37 Jahre fällt ein ganz unerwartetes Ereignis, von dem wir nicht wissen, ob Lydia Nagel je davon erfahren hat. 1887, zwei Jahre nach ihrer Beurlaubung, erhielt der Winnentaler Direktor den Brief eines Arztkollegen. Es handele sich darum, schrieb dieser, „ob Fräulein Lydia Nagel, Tochter des Apothekers Nagel aus Weil der Stadt, welche Sie früher ein Jahr lang in Ihrer Behandlung hatten, heiratsfähig ist oder nicht. Deshalb erlaube ich mir, Sie freundlich zu bitten, mir, wenn auch noch so kurz, die Diagnose der Krankheit von Vater u. Tochter mitzuteilen. Sie dürfen versichert sein, dass kein Gebrauch davon am unrechten Platz gemacht wird, sofern Verwandte aber [ein Wort unleserlich] mich auf diese Gelegenheit, mich zu verheiraten aufmerksam gemacht hatten – (vor drei Jahren). Ich habe früher selbst 2 Semester lang in der psychiatrischen Klinik in Leipzig praktiziert […] und so werden mir einige Winke von Ihnen genügen, um mich über die Prognose dieses Falls zu orientieren. Mit der nochmaligen Bitte um baldige Mitteilung, da ich nächsten Sonntag schon von einer Verwandten zu weiterer Besprechung eingeladen bin […].

Der Winnentaler Direktor dürfte die kuriose Anfrage auf die einzig angemessene Art mit Schweigen übergangen haben. Und die Familie? Sehr groß war die Verwandtschaft nicht, und ohne Zustimmung der Cannstatter Schwester kann der Plan kaum ausgedacht worden sein. War sie, waren die Verwandten von Lydias Heiratswilligkeit überzeugt? Hat man sie überhaupt danach gefragt? Vielleicht glaubten sie wirklich, Ehe und vielleicht Kinder könnten Lydias Lebensglück bedeuten? Oder waren sie uneins, was die Heiratsfähigkeit der als ‚genesen‘ Beurlaubten betraf? Ich könnte auch verstehen, dass ihnen über die Jahre die die zusätzliche Belastung zu groß geworden war. Vielleicht redeten sie sich ein, an der Seite eines Mannes könnte Lydia glücklich werden, ohne sich ihre schwelende Angst als Motiv bewusst zu machen

Die große Angst nämlich vor der Krankheit, die schon den Vater betroffen hatte, wie aus dem zitierten Brief und schon früher erhobenen Anamnesen hervorgeht. Er war Apotheker in Weil der Stadt gewesen und hatte sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts verheiratet. Aus der Ehe waren vier Kinder hervorgegangen: Auf die am 9. Februar 1860 geborene Lydia folgten eine Schwester (1866), ein Bruder (1870) und zuletzt die Schwester Hedwig deren Geburtsjahr unbekannt ist.

Die Keplerapotheke in Weil der Stadt, in diesem Haus hat Lydia Nagel ihre Kindheit verbracht.Christian Nagel hat die Kepler-Apotheke in Weil der Stadt 1859 übernommen, ein Jahr vor Lydias Geburt. Für einen evangelischen Apotheker dürfte der Neuanfang in der katholischen Reichsstadt nicht ganz einfach gewesen sein. Auch wird es in den Anfangsjahren viel Arbeit gegeben haben, sodass die Mutter im Geschäft Hand mit anlegen musste. Dann wäre Lydia schon früh auf sich allein gestellt gewesen. Als ihrer Ältesten werden die Eltern ihr bald schon Verantwortung übertragen haben: Botengänge zu erledigen und Kindsmagd für die jüngeren Geschwister zu sein, wie das damals üblich war. Fleiß und Leistungsfähigkeit, die ihr später wiederholt attestiert wurden, waren wohl schon in jungen Jahren eine wichtige Möglichkeit, Anerkennung zu gewinnen und dem Leben Farbtupfer zuzufügen.

Als der Cannstatter Oberamtsarzt im August 1884 erstmals Lydia Nagels Krankengeschichte erhob, notierte er kommentarlos, ihr Vater sei seit zehn Jahren geisteskrank und dessen Mutter sei im hohen Alter ebenfalls „kopfkrank“ gewesen. Es scheint ihm ausschließlich um die Erblichkeit der Krankheit gegangen zu sein. Wie das Leiden des Vaters, schon bevor es manifest wurde, das Familienklima verändert und auf die 13- bis 14-jährige älteste Tochter gewirkt haben muss, war damals noch keiner Erörterung wert. Belastend muss es für das Mädchen auch gewesen sein, dass seine nächstjüngere Schwester herzkrank wurde und in jungen Jahren starb. Hat sie insgeheim das Kind, das sie ausfahren und versorgen musste, weggewünscht und schwere Schuldgefühle entwickelt, als es tot war? Ihr Bruder sei „auffallend scheu und schüchtern“ heißt es in der 1884 erstmals erhobenen Krankengeschichte. Das verstärkt meinen Eindruck von einer bedrückten Familienatmosphäre. Was aber, wenn sie mehr Interpretation als Abbild der Familiendynamik sind? Es lässt sich ja nicht einmal sagen, von wem sie stammen.

Mit der elterlichen Konfession bekam Lydia vermutlich eine Außenseiterrolle in die Wiege gelegt. Weil sie evangelisch war, wurde sie im benachbarten Merklingen getauft. Beim sonntäglichen Kirchgang und besonders in der Schule wird sie dieses Anders-als-andere-Kinder-Sein gespürt haben. Wie hat sie das tägliche Schulgebet erlebt, durfte/musste sie am Religionsunterricht der anderen teilnehmen? Ich stelle mir vor, dass Lydia manchmal auf ihre Kameradinnen neidisch war, die zur Erstkommunion weiße Kleider tragen und an Fronleichnam Blumen streuen durften. Mit 13 Jahren, als sie ins Töchterinstitut nach Korntal1 kam und dort auch konfirmiert wurde, hat ihr Vater erste Anzeichen seiner Schwermut gezeigt. Im Juli 1874 musste die Apotheke verkauft werden. Welche Last für die Mutter von vier Kindern, die sich um die herzkranke Tochter, ihren kranken Mann und sicher auch um das materielle Wohl der Familie kümmern musste. Hat es da unterschwellige Schuldzuweisungen gegeben, sodass die Älteste sich für das Unglück der Familie mitverantwortlich fühlte, der Mutter einen Teil der Last abnehmen wollte und sich heillos überforderte? Denkbar wäre auch, dass Lydia ihren Vater nicht an die Krankheit verlieren wollte, sondern ihn zu verstehen suchte, sich umso mehr mit ihm identifizierte, je weiter er sich von der Realität entfernte. Vielleicht hätte ihr geholfen, wenn jemand vermocht hätte, sich in ihre Innenwelt einzufühlen.

Wie die äußere Realität sich weiterentwickelte, hat die Mutter in knappen Worten festgehalten, die sie vermutlich für den Amtsarzt notiert hat, als es um Lydias erste Einweisung nach Winnental ging: „1874 zogen wir nach Stuttgart und nahmen Lidia zu uns. Dort besuchte sie noch einige Zeit das (unleserlich)Institut und später die Arbeitsschule. Vor ungefähr 10 Jahren zogen wir wegen dem leidenden Zustand meines Mannes nach Cannstatt. – In ihrem 17. Jahr erkrankte Lidia an hitzigem Gliederweh, von welchem sie sich nach einiger Zeit gänzlich erholte u. seither ganz gesund war, sie unterstützte mich indessen im Haushalt. Dieses Frühjahr ging sie auf einige Monate zu Herrn Dekan S. nach Langenburg, von wo sie krank zurückkehrte.“

Den Hinweis auf das heftige Gliederweh ergänzte der Cannstatter Oberamtsarzt um die Hinweis, dass im selben Jahr erstmals die Menses eintraten und regelmäßig vierwöchentlich wiederkehrten „bis zu ihrer jetzigen Krankheit: Patientin blieb vom 17 Jahr ab gesund, war sehr fleißig und übernahm am 1. März d.J. eine Stellung zur Unterstützung der Hausfrau im Dekanatshaus in L. Sogleich nach dem Eintritt traten die Menses sehr profus ein, Patientin befand sich aber dabei und in den folgenden 4 Wochen wohl und hatte viel zu tun in dem kinderreichen und viel besuchten Pfarrhaus. Die nächste Menstruation blieb aus; Patientin fühlte sich ihrer Stellung nicht mehr gewachsen, wurde sehr aufgeregt, hatte keine rechte Lust und Kraft mehr zur Arbeit. Freundlicher und ernster Zuspruch blieb erfolglos: Patientin zwang sich zur Arbeit, war aber fest überzeugt, dass sie nichts mehr leisten könne, und als eines Tages der Hausherr ihr bemerkte, dass es ihr eben am rechten Glauben fehle, wurde dies für sie Veranlassung zu religiösen Zweifeln: ‚Es fehlt mir am rechten Glauben, hat der Herr Dekan gesagt, ich bin verloren, ich kann nicht mehr selig werden etc.‘ Nach Ablauf von drei Monaten endlich durfte sie in die Heimat zurückkehren, und hier fiel alsbald ihr ganz verändertes Wesen auf. Die früher fleißige Tochter wollte nichts mehr leisten können, entzog sich jeder Arbeit, die religiösen Zweifel verfolgten sie ständig und ließen Selbstmordgedanken wiederholt in ihr aufkommen; fortwährendes ängstliches Hin- und Hergehen.“

Der Oberamtsarzt kam zu dem Schluss, „hereditäre Disposition, Heimweh, die veränderten (Dienst-)Verhältnisse, das Ausbleiben der Menstruation, wohlgemeinter aber unvorsichtiger religiöser Zuspruch“ hätten das Mädchen geisteskrank gemacht. Sie leide an Melancholia religiosa und bedürfe der Aufnahme in eine Anstalt, beendet er seinen Befund am 8. August 1884.

Ich frage mich, warum der Oberamtsarzt das Ausbleiben der Menstruation als Auslöser in Betracht zieht. War es nicht viel bedeutsamer, dass sie beim Eintritt in den Haushalt des Langenburger Dekans „sehr profus“ einsetzte. Wollte Lydia verbluten, und welches Motiv hätte sie gehabt? Hatte der Oberamtsarzt ihr Tabu übernommen und lieber nicht genauer nachgefragt, als es um Lydias Frausein ging? Mit 17 bis 18 Jahren, notiert er, „traten erstmals die Menses ein und kehrten regelmäßig vierwöchentlich wieder bis zu ihrer jetzigen Krankheit“. Einen Zusammenhang hat er demnach gesehen, aber leider nicht danach gefragt, wie Lydia ihre körperliche Veränderung erlebt hat.

Am 10. Juli 1884, hat Christiane Nagel ihre Tochter zum ersten Mal in die königliche Heil- und Pflegeanstalt Winnental gebracht und ihrer Aufnahme dort zugestimmt. Die beiden sind vermutlich mit der Eisenbahn gereist. Hat das Lydia an die Fahrt nach L. ins Dekanatshaus erinnert, war sie ängstlich und verwirrt? Herrschte angstvolles, verlegenes Schweigen zwischen den beiden, weil sie sich von Mitreisenden beobachtet fühlten? Oder teilten Mutter und Tochter Zuversicht und Hoffnung auf baldige gesunde Heimkehr?

Bald darauf genehmigt die Abteilung für Staatskrankenanstalten des Königlichen Medizinal Kollegiums Lydias Verpflegung in der II. Klasse und setzt das Verpflegungsgeld auf jährlich 760 Mark fest.

Ein Jahr und 8 Tage blieb Lydia Nagel in der Anstalt. Warum sie entlassen wurde, bleibt unklar. Hat ihre Mutter die Heimkehr betrieben, oder hat es der Anstalt an Betten gefehlt? Wurde sie als seelisch gefestigt, wenn auch nicht wirklich gesund beurteilt, und wie hat sie selbst sich erlebt? Der Hinweis „als ‚genesen‘ beurlaubt“, den die Familie als „völlig geheilt“ interpretierte, lässt der Spekulation allen Raum.

Es vergingen die erwähnten 37 grauen Jahre, die auf mich wie von Lydia Nagel kaum gelebt wirken. Ihre Mutter ist mittlerweile gestorben. Lydia ist jetzt 62 Jahre alt und die Symptome kehren wieder. Oder sind sie nur unübersehbar geworden? Sie sei hochgradig nervös, von Schlaflosigkeit und ständigen inneren Vorwürfen geplagt, schreibt ihr Neffe nach Winnental und fragt an, ob man dort Platz für sie habe.

In Heinrich Bölls Erzählung „Daniel der Gerechte“ erinnert sich der Protagonist, dass er als Zehnjähriger mit seiner Mutter zu Besuch in der Anstalt war. Onkel Thomas, dem der Besuch galt, hörte nicht auf das, was die Leute ihm sagten, sondern „lauschte dem Klagegesang eines verborgenen Chores, der in den Kulissen dieser Welt versteckt eine Litanei herunterbetete, auf die es nur eine Antwort gab.“ Was immer man diesem Thomas sagte oder ihn fragte, er gab auf alles die immer gleiche Antwort: „Wenn es nur Gerechtigkeit auf dieser Welt gäbe.“

Über solch scheinbar sinnlos-stereotypes Verhalten kann man nachsichtig lächelnd hinwegsehen. Oder man lässt sich auf die Frage nach dem Motiv ein, wie Böll das tat, und bekommt eine Vorstellung vom Leiden eines Thomas, den jedes an ihn gerichtete Wort die Ungerechtigkeiten dieser Welt spüren lässt. Bölls Thomas fiel mir ein, als ich über Lydia Nagel nachdachte. Hat auch sie aus den Kulissen dieser Welt einen Chor vernommen? Einen Chor, dem sie hin und her rennend zu entkommen suchte, weil er mit immer neuen Dissonanzen drohend auf sie eindrang? Einen Chor, der ihr schrill ins Ohr gellte, wenn sie einzuschlafen versuchte? Einen Chor, der nur diese eine Botschaft kannte: „Du bist verloren und kannst nicht mehr selig werden!“

Eine sofortige Aufnahme Lydia Nagels war mangels eines geeigneten Platzes nicht möglich. Deshalb war sie im Juni 1922 zunächst in der Irrenabteilung des Stuttgarter Bürgerhospitals untergebracht und anschließend in der Tübinger Universitäts-Klinik für Gemüts- und Nervenkrankheiten. Am 6. Oktober endlich traf sie, von einer Pflegerin begleitet, um 12.04 Uhr mit dem Zug in Winnenden ein. Ihr Neffe hatte geschrieben, sie habe Zutrauen zur Anstalt und ginge gerne wieder dorthin. Ich frage mich, ob sie nicht doch Bangigkeit überkam, da sie innerhalb weniger Wochen nun schon in die dritte Anstalt wechselte. Gustav Mesmer, der das „Gebrechen Wohlfahrts-heim“ von innen kannte, schildert das so: „[…] Zwei Pfleger, führen den Eingewiesenen fort indie Latzaret Station, direkt indas Bad, alle Kleider, Werhtsachen Papiere werden abgenommen, nur ein Hemd liegt vorbereitet, Ist man gründlich gebadet, wohldann langsam oder schnell ins Hemd u. zum Bett für eine oder Zwei Wochen. Der Psychiater (Arzt) komt ans Bett, oder Untersuchungs Zimmer u. weitere Untersuchungen folgen.“2 Lydia Nagels Aufnahme dürfte sich von diesem Ritual nicht merklich abgehoben haben. Und dann? „Bedrückt, sorgenvoll, hoffnungslos, dauernd leichte innere Unruhe, hartnäckige Schlaflosigkeit. Viel Selbstvorwürfe und Versündigungsideen, Gefühl des eigenen Unwertes. Beschäftigt sich tagsüber im Nähsaal, äußerlich vollkommen ruhig und geordnet“, lesen wir im ärztlichen Bericht vom September 1922. Konnte Lydia anders als sofort an die Arbeit gehen, ohne von den schwarzen Gedanken die sie quälten völlig erdrückt zu werden?

Ich wüsste gerne, wie lange sie sich im Nähsaal beschäftigen konnte, doch verrät die Akte über die folgenden Jahre nur, dass sie von 1923 bis 1927 einen Viertelliter Milch als Zulage erhielt, danach irgendwann Weiß- statt Schwarzbrot. Im Februar 1924 wird vermerkt, man habe das Unterstützungsprotokoll der Ortsarmenbehörde Winnenden zurückgegeben „mit dem Anfügen, dass von der Kranken keine brauchbaren Angaben zu erhalten sind“. Diagnose Altersmelancholie, Prognose schlecht, Vermögen aufgebraucht“ erfahren wir aus einem wenig späteren Verhandlungsprotokoll. 1925 endlich eines der seltenen Lebenszeichen von Lydia Nagel, ein gelber Blitz in meinem Gemälde: Sie hat ihr Gebiss fortgeworfen, sodass es in Stücke zersprungen ist. Konnte sie einmal die in Suizidgedanken gegen sich selbst gerichtete Aggression nach außen wenden? Sie sei „in letzter Zeit wieder etwas unruhiger, körperlich geht es ihr so weit gut“, wird der Schwester in Cannstatt mitgeteilt und gefragt, ob sie zu einem neuen Gebiss beitragen könne. Nein, antwortet der Schwager, seine Frau sei selber ernstlich erkrankt und werde voraussichtlich andauernd große Kosten verursachen. Worauf die Anstalt entscheidet, kein neues Gebiss bei der Kleinrentnerfürsorge zu beantragen, weil die Kranke es ohnehin wieder zertrümmern würde. Hat Lydia entdeckt, dass man sich wehren kann? „Eine Verständigung ist mit ihr zur Zeit nicht möglich“, berichtet die Anstaltsdirektion im September 1926 an das Wohlfahrtsamt in Stuttgart. 1929 beantragt Lydias Schwager ein Lebenszeugnis „behufs Erhaltung der Vorzugs-Rente im Betrag von jährl. 20 M.“

Besuche von Schwester und Schwager, Nichte und Neffen in Winnental gehen aus den Akten nicht hervor, aber vergessen haben sie ihre Patientin nicht. „Es ist unser Wunsch“, schrieb der Schwager im November 1935, Lydia hatte mittlerweile die 75 Jahre überschritten, „dass unsere Schwester, Schwägerin und Tante, welche sich seit Jahren bei Ihnen in Pflege befindet, nach ihrem Ableben auf dem hiesigen Steig-Friedhof beerdigt werden soll.“ Ein Jahr später bittet der mittlerweile Verwitwete, die Beerdigung in Winnental vornehmen zu lassen, weil er oft nicht zuhause und „eine Nachsendung der Postsachen meistens nicht möglich“ sei. Er wolle jedoch zu seinen Lebzeiten die Kosten der Beerdigung übernehmen. Mit „Heil Hitler“ wird die Bestätigung dieses Wunsches von der Anstalt bestätigt. Aus unerfindlichen Gründen wurden die Beerdigungskosten Anfang Januar 1940 auch noch vom Wohlfahrtsamt Bad Cannstatt zugesagt. Damit nicht genug, kamen im Mai 1940 die Nichte und ihr Mann überein, Lydia Nagel auf den Steigfriedhof nach Cannstatt überführen und im Familiengrab dort beisetzen zu lassen. Sie bitten um rechtzeitige Benachrichtigung.Martin-Luther-Straße 11, Stolperstein verlegt am 30. April 2010.Einer handschriftliche Notiz vom 17. Juni 1942 zufolge, mit der die Akte schließt, ist Lydia Nagel am 24. Juni „von hier verlegt worden. Ihre Krankenakten stehen uns nicht mehr zur Verfügung. Der Direktor Dr. G.“ War dies die von den Angehörigen erbetene Benachrichtigung? Sie ist auf jeden Fall einMusterbeispiel routinierter Verschleierung der wahren Todesumstände. Zu ihnen gehört, dass am besagten 24. Juni ein grauer Bus in Winnental vorgefahren war, um Patientinnen und Patienten zur Vergasung in der Landespflegeanstalt Grafeneck abzuholen. Für die Mitarbeiter der Heil- und Pflegeanstalt in Winnental war das schon Routine, es war schon die vierte „Verlegung“ von dort. Sie wussten um deren Ziel, auch wenn sie sich die volle Wahrheit nicht eingestanden. Musste die achtzigjährige Lydia Nagel in den Grauen Bus hinausgetragen werden? Nur noch ein Schatten ihrer selbst, auf 29 kg abgemagert, wird sie keine große Mühe bereitet haben. Hat man sie grob behandelt? Konnte oder musste sie noch registrieren, was mit ihr geschah? Hat sich die Unruhe, der vielleicht laute Jammer und Protest ihrer Leidensgenossen auf sie übertragen. In einer Ecke meines grauen Gemäldes ballen sich tiefschwarze Wolken, und entladen sich in einer grellroten Explosion. Noch am selben Tag wurde Lydia Nagel vergast und verbrannt und ihre Asche achtlos auf einen Haufen geworfen.

© Text: Rainer Redies, Cannstatter Stolperstein-Initiative
© Bilder: Anke Redies, Stadtarchiv Weil der Stadt

  • 1. Das Archiv der Evang. Brüdergemeinde Korntal bedauert, keine Unterlagen über Lydia Nagels Aufenthalt im Töchterinstitut ermitteln zu können (freundliche Mitteilung von Cornelia Dannecker).
  • 2. Ikarus vom Lautertal [Gustav Mesmer]: Du bist mir im Verständnis und im Geist begegnet. In: Allmende 26/27, S. 105

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