Cannstatter Stolperstein-Initiative

Pauline Dihl: Cannstatt, Leonberg, USA, Rottenmünster, Grafeneck

Pauline Schmid wurde am 15. November 1903 als Tochter des Metzgermeisters Karl Gustav Schmid und dessen Ehefrau Christiane, geb. Müller, in Backnang geboren.1 Zunächst führte Pauline Schmid ein Leben, das sich kaum vom größten Teil ihrer Altersgenossinnen unterschieden haben dürfte. Sie besuchte die Volksschule in Zuffenhausen, war eine „gute Schülerin“ und als junges Mädchen „psychisch nicht auffällig“.2 Nach der Schule erlernte sie den Beruf einer Lampenschirmnäherin, arbeitete jedoch auch „zeitweise zu Hause, da der Vater eine Metzgerei und Wirtschaft hatte“. Mit knapp 20 Jahren heiratete sie am 12. August 1922 in Leonberg den gut begüterten Schafhalter Gottlob Richard Dihl und brachte dort am 9. März 1924 ihren Sohn Wolfgang Richard auf die Welt. Die scheinbar heile Welt bekam allerdings recht schnell Risse: Ihr Ehemann soll „anderen Frauen nachgegangen“ sein, verlor bei „Schwindelgeschäften in kürzester Zeit“ sein gesamtes Vermögen und bekam mehrere Gefängnisstrafen. Pauline Dihl zog daraufhin mit ihrem Sohn zu ihren Eltern, die inzwischen in Cannstatt lebten. Mit Einverständnis ihres Mannes ging sie dann 1927 in die USA, wo ihr Bruder Julius als Kaufmann tätig und ihre Schwester Sofie mit einem Kaufmann verheiratet war. Von den USA aus erteilte sie ihrem Vater die Vollmacht, dass er sich um ihre Scheidung kümmern sollte. Geradezu makaber mutet heute an, dass ihre Sache vor Gericht ausgerechnet von dem Stuttgarter Rechtsanwalt Jonathan Schmid (1888 bis 1945)3 vertreten wurde, der 1940/41 als Staatsminister dem württembergischen Innenministerium vorstand, das maßgeblich für die Durchführung der „Euthanasie“-Morde in Württemberg verantwortlich war, auch wenn er selbst dabei nicht eine entscheidende Rolle spielte. Die Ehe von Richard und Pauline Dihl wurde schließlich am 14. August 1930 rechtskräftig geschieden und der Ehemann „für den alleinschuldigen Teil erklärt“.
In den USA, wo Pauline Dihl als Hausangestellte arbeitete, brach 1933 die später als Schizophrenie diagnostizierte Krankheit aus, die dazu führte, dass sie bereits in Amerika ein dreiviertel Jahr in einer Anstalt verbrachte. Nach ihrer Entlassung reiste sie zurück nach Deutschland und kam am 7. April 1934 in Bremen an, wo sie von ihrem Vater abgeholt wurde. Schon auf der Rückfahrt verhielt sich Pauline Dihl seltsam, was sich dann daheim bei ihren Eltern fortsetzte. So behauptete sie, dass ihr früherer Dienstherr in den USA mit auf dem Schiff gewesen sei und nun ebenfalls in Stuttgart sei. Außerdem habe sie „viel gelacht“ und „gelegentlich unverständliche Selbstgespräche geführt“. Als sie schließlich sogar ihre Mutter zweimal tätlich angriff, wurde sie am 14. April 1934, also genau eine Woche nach ihrer Rückkehr, in die psychiatrische Abteilung des Bürgerhospitals Stuttgart eingewiesen, wobei sich ihre Eltern mit der Überweisung in eine Heilanstalt einverstanden erklärten, „falls es der ärztl. Direktor dieser Abteilung für notwendig hält“. Pauline Dihl verhielt sich dort zunächst „freundlich und liebenswürdig“, wurde jedoch „sehr erregt, sobald ihr widersprochen wird“ und äußerte „Wahnideen“. Da sie dadurch eine „Gefahr für sich und andere“ darstellte, wurde sie am 7. Mai 1934 in die Heilanstalt Rottenmünster4 bei Rottweil eingewiesen, wo sie die nächsten sechs Jahre ihres Lebens verbrachte und 1940 folgendermaßen charakterisiert wurde: „Autistisch, im Aeusserem geordnet, zeitweise gereizt, schimpft gelegentlich vor sich hin, gewandte Handarbeiten“. Am 19. September 1940 erfolgte noch die Verlegung in die Heilanstalt Winnental, bevor Pauline Dihl am 29. November 1940 zusammen mit weiteren 25 Frauen und 34 Männern nach Grafeneck transportiert und dort ermordet wurde.5

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© Text: Dr. Bernhard Trefz, Stadtarchiv Backnang
© Bild: Bernd Hecktor

  • 1. StAB FR BK Bd. 10, Bl. 208. Karl Schmid wurde 1871 in Schorndorf und seine später Frau Christiane Müller 1873 in Schwaikheim geboren. Die Familie wohnte nur kurze Zeit in Backnang: Sie kam frühestens 1900 nach Backnang und verzog spätestens 1905 nach Ludwigsburg. Da der entsprechende Band der Wohnungsliste für diesen Zeitraum im Stadtarchiv nicht mehr vorhanden ist, kann das Geburtshaus von Pauline Schmid leider nicht mehr identifiziert werden.
  • 2. Das Folgende entstammt, sofern nicht anders angegeben: Bundesarchiv Berlin R 179, Nr. 108.
  • 3. Frank Raberg: Biographisches Handbuch der württembergischen Landtagsabgeordneten, Stuttgart 2001, S. 797f. Siehe dazu auch den Beitrag von Gerhard Fritz in diesem Jahrbuch.
  • 4. Die Heil- und Pflegeanstalt St. Vinzenz wurde 1898 in den Räumen des ehemaligen Klosters Rottenmünster eingerichtet. Heute befindet sich darin das Vinzenz von Paul-Hospital.
  • 5. Mitteilung von Franka Rößner, Dokumentationszentrum Gedenkstätte Grafeneck vom 18. Mai 2010. Zu den sechs Transporten von Winnental nach Grafeneck siehe: Martin Eitel Müller: Euthanasie und Sterilisation in Winnental 1933-1945. – In: 175 Jahre Heilanstalt Winnenden. Jubiläumsveröffentlichung der Stadt Winnenden und des Zentrums für Psychatrie Winnenden, Ubstadt-Weiher 2009 (= Winnender Veröffentlichungen Bd. 3), S. 182f.

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