Als seine Schwester Babette Marx 1904 unverhofft Witwe wurde, erwies sich Martin Rothschild als verlässlicher Helfer, was sein Großneffe Walter Marx folgendermaßen schildert: „Großmutter Babette, eine zarte, aber sehr lebendige Frau, musste ihre vier Kinder allein aufziehen. Sie wurde dabei in großartiger Weise von Onkel Martin, ihrem unverheirateten Bruder, unterstützt, einer gütigen und verständnisvollen Person. Seine Neffen und seine Nichte redeten von ihm als ‚Onkele’, und in vieler Hinsicht übernahm er die Rolle des Vaters, den die beiden Jüngsten kaum gekannt hatten.“1 Wenige Zeilen eines Gedichts, das die Enkel von Babette Marx bis heute aufbewahren, verdeutlichen, wie Martin Rothschild diese Rolle aufgefasst hat. Es stammt von dem damals siebenjährigen Alfred Marx, der die Bewohner des Hauses Seelbergstraße 1 aufs Korn nahm und seinen Onkel Martin so beschrieb: “Im gleichen Stocke wohnt ein Herr, / Und zwar ein ziemlich zappliger, / Und dieser ist ein Rechtsanwalt, / Und sein Gefühl ist ziemlich kalt. / Der dünne Kerl heißt Onkel Marte / Mit einem kleinen schwarzen Barte”.
Die scheinbar so harmlosen Kinderverse gewinnen Aussagekraft, wenn man in Betracht zieht, aus welcher Zeit sie stammen. Eine weitere Erinnerung an den partnerschaftlichen Erziehungsstil Rothschilds stammt vom ältesten Neffen Leopold Marx, der sich durch den frühen Tod des Vaters viel zu früh in die ihm ganz ungemäße Laufbahn des Fabrikanten gedrängt sah. „ Die Knabenzeit war vorüber, ein unbekannter Weg lag vor mir. […] Indes, noch waren mir ein paar Wochen Freiheit gegönnt. Noch brauchte ich nicht das verhasste Wort ‚Lehrling’ in die Fremdenbücher zu schreiben, als ich, von meinem Onkel eingeladen, die erste Ferienwanderung meines Lebens antreten durfte. Du weißt von diesem noch jungen Onkel, uns Geschwistern halb der leitende Freund, halb ein guter Kamerad.“2 Aus der Sicht von Manuel Werner war der sensible Leopold „seinem Onkel Martin in schwärmerischer Verehrung zugetan, und er war nach seinem Vater die wichtigste männlich Bezugsperson für ihn zu jener Zeit.“3 Ein Brief, den Leopold anlässlich seiner Bar Mizwa4 vom Onkel erhielt, „war und blieb für Leopold der tiefste Eindruck. Leopold schreibt, dieser Brief war das, was eigentlich jenen Tag zu einem wichtigen Einschnitt in meinem Leben machte. Der eindrucksvolle Brief verweist darauf, dass Martin Rothschild sich der Mühe nicht entzog, Leopold wichtige, richtungsweisende Gedanken zu diesem Knotenpunkt im Leben mitzugeben. Martin Rothschild zeigte auf diese Weise, dass man Gesellschaftslügen und Konventionen, hinter denen man nicht steht, meiden kann, ohne den anderen weh zu tun. Er lebte vor, dass der gerade Weg machbar und der richtige ist.“5
Mit den beiden letzten Sätzen bezieht sich Werner darauf, dass Martin Rothschild in Urlaub gefahren war, um zur Bar Mizwa seines Neffen nicht in der Synagoge erscheinen zu müssen. In dieselbe Richtung weist der Hinweis von Ephraim Marx6, Leopolds zweitem Sohn, wonach die Familien Marx und Rothschild vollkommen irreligiös waren. Ein Gelegenheitsgedicht, anlässlich einer Familienfeier entstanden, wirft ein Schlaglicht auf die geistige Position dieses Mannes: „Atheist, / Dennoch guter Christ / Beziehungsweise Jud, / Der Rechtes tut, / Niemand scheut, / Jeden betreut, / Der in der Klemme steckt.“ In diesen Zusammenhang geistiger Unabhängigkeit gehört, dass Martin Rothschild sich als Schriftführer des Vereins für Feuerbestattung über die jüdische Verpflichtung zur Erdbestattung hinwegsetzte. Ebenso fügt sich hier ein, dass er der linksliberalen Fortschrittlichen Volkspartei als Schriftführer diente und Mitglied des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold war, das seine Aufgabe in der Verteidigung der Weimarer Republik gegen Extremisten sowohl von rechts als auch von links sah.
Alfred Marx7 zufolge besaß Martin Rothschild für die Zeit von 1750 bis 1850 eine wertvolle Bibliothek mit zahlreichen Erstdrucken und Autographen von württembergischen Staatsmännern und Dichtern (u.a. Briefe von Mörike, J. und Th. Kerner, J.G. Fischer, Uhland, G. Schwab, Hauff, Hermann Hesse). Über das Schicksal dieser Sammlung kann nur spekuliert werden, bekannt ist dagegen, dass die Gestapo Rothschilds Gemälde und seine Briefmarkensammlung geraubt hat, während sein Haus Gustav-Siegle-Straße 6 zwangsweise verkauft wurde.
Neben seinem familiären, privaten und politischen Engagement war Martin Rothschild auch und vor allem Rechtsanwalt, und als solchen hat ihn Alfred Marx, von dem das eingangs zitierte Kindergedicht stammt, sechs Jahrzehnte später gewürdigt:8 Demnach war der Senior einer großen Cannstatter Kanzlei vor allem Zivilrechtler und „nie ein Mann der großen Worte, sondern der unermüdlichen, gewissenhaften Kleinarbeit. […] Am 22. August 1942 wurde er nach Theresienstadt deportiert. Am Ende dieses Jahres gelang es ihm, eine Nachricht9 von dort herauszubringen, in der er verschlüsselt den Tod seiner mit ihm deportierten Geschwister, eines Bruders10 und einer Schwester mitteilte.
Anfangs 1943 mussten die Insassen von Theresienstadt ihren noch in Deutschland befindlichen Angehörigen mitteilen, dass es dort nun ein Café11 gebe. Rechtsanwalt Rothschild tat es in der Form, dass er schrieb, ‚wir haben jetzt ein Café, das der Eröffnung harrt’. Es war aus dieser Mitteilung erstmals zu ersehen, in welch raffinierter Weise die Welt über den Charakter des sogenannten Altersghettos Theresienstadt getäuscht wurde. Es gelang ihm auch anzudeuten, dass man in Theresienstadt über den Fall von Stalingrad unterrichtet sei. Die aufkeimende Hoffnung auf eine baldige Befreiung hat sich aber für die meisten nicht erfüllt. Auch Rechtsanwalt Rothschild ist am 8. Juli 1943 infolge Entkräftung gestorben.“ Bereits im Juni 1945 hat Alfred Marx seiner Schwester Grete und dem Schwager Karl Adler nach Amerika berichtet, Martin Rothschild habe „in Theresienstadt im Sanitätswesen Verwaltungsarbeit geleistet und starb nach langer Krankheit am 8.7.43 in dem Krankenhaus Geniekaserne an Tuberkulose trotz guter Pflege u. halbwegs anständiger Ernährung. Lungenkranke bekamen Milch und. verschiedene Zulagen.“12 Sieben Monate später, am 21. Februar 1944 fiel das Haus Seelbergstraße 1 in Schutt und Asche. Über dreißig Jahre hat Martin Rothschild in seiner dortigen Kanzlei Cannstatter Bürger anwaltlich beraten, ehe ihm 1938 die Zulassung genommen und er gezwungen wurde, sich bei seinem Kollegen Dessauer als „Konsulenten-Hilfsarbeiter“ zu verdingen. Vielleicht hat er drei Wochen vor seinem Tod noch dessen Ankunft in Theresienstadt erlebt.
© Text: Rainer Redies, Cannstatter Stolperstein-Initiative
© Bilder: Familie Marx, Anke Redies
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