Cannstatter Stolperstein-Initiative

Ruggaber - Briefe

Im vorangestellten Text
• steht KR für Karl Ruggaber
• sind Hervorhebungen des Autors kursiv
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• steht [1], [2] usw. für ein, zwei oder mehr nicht entzifferte Wörter
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Ein Enkel KRs hat der Cannstatter Stolperstein-Initiative freundlicherweise dessen Heuberg-Briefe zur Auswertung zur Verfügung gestellt, deren Transkriptionen hier mit ersten Anmerkungen folgen. Wir hoffen, dass ihre Veröffentlichung zu Hinweisen, insbesondere zur näheren Identifizierung der zahlreichen vorkommenden Namen führt. Es handelt sich um 31. Dokumente, deren Gegenstücke, die mindestens 73 Briefe Martha Ruggabers an ihren Mann, leider verschollen sind.

Wer sich mit den 32 Schriftstücken beschäftigt, die KR vom KZ Heuberg aus nach Hause schicken konnte, muss die Zensur in Betracht ziehen. Ihr waren die ein-und die ausgehende Post gleichermaßen unterworfen. Paraphen und Stempel auf den Briefhüllen und besonders Eingriffe in die Texte selbst beweisen ihre Allgegenwart. Den Gefangenen muss das Gefühl einer lückenlosen Kontrolle vermittelt worden sein. Kein Wunder, dass wir über KRs Gemütszustand allenfalls indirekt etwas erfahren. Zum Druck durch die Zensur kommt eine zeitliche Beschränkung, die bedacht sein will. „Heute ist Schreibtag“ oder ähnlich lesen wir ab 8 Juni mehrfach. Mit zunehmender Organisation des Lagers scheint den Gefangenen etwa alle drei Wochen Schreiberlaubnis erteilt worden zu sein. Schwerlich darf man sich aber vorstellen, dass sie sich zurückziehen, ruhig nachdenken und Ihre Gedanken zu Papier bringen konnten. KRs Stakkatostil und seine zahlreichen Wiederholungen und Nachträge deuten eher auf große Eile hin. So erklärt sich, dass die Dokumente über das Befinden des Schreibers und die Zustände im Lager nur mittelbar etwas aussagen, über Mitgefangene so gut wie nichts. Wüsste man nicht, dass es sich um ein Konzentrationslager gehandelt hat, könnte man glauben, Langeweile sei das schlimmste Problem der Insassen gewesen.

Ebenso wenig darf die Beurteilung dessen, was KR zu Papier gebracht hat, übersehen, dass der Gefangene aus einem tätigen Politikerleben herausgerissen wurde und nicht nur physisch unter den KZ-Bedingungen zu leiden hatte: Die Trennung von seiner Familie, materielle Sorgen und seine ungewisse berufliche Zukunft machten ihm schwer zu schaffen. Überdies ist er gedemütigt und verletzt, weil er sich des Unrechts seiner Verschleppung bewusst ist und vergebens auf eine Vernehmung und die damit gegebene Gelegenheit hofft, eventuell erhobene Vorwürfe entkräften zu können. Außerdem friert er zeitweilig und hat Hunger. Die Bitte um warme Kleider kommt in der Korrespondenz mit seiner Frau immer wieder vor. Dabei fehlt nie der Hinweis, sie solle nur alte Sachen schicken, womit mindestens angedeutet ist, dass er seine Kleidung nicht schonen konnte. Um Butter und fette Lebensmittel schreibt er nur ein einziges Mal (28. März), aber schon im nächsten Brief lesen wir „keine Lebensmittel senden“, ohne dass dieser Sinneswandel irgendwie begründet würde. Am 27. April folgt dann diese überraschende Mitteilung: „Nichts senden, die Lebensmittel gehen alle in die Gefangenenküche, nie an die Wachmannschaften. Von der Küche werden die Lebensmittel für unser Essen und für unsere Kranken verwendet. Ich habe mich davon genau überzeugt und muss auch diesen Gerüchten von draußen entgegen treten.“ Die Zeichen des Zensors vor Augen, wird Martha Ruggaber nicht so unvorsichtig gewesen sein, ihrem Mann über Heuberg-Gerüchte zu schreiben. Vielmehr ist anzunehmen, dass die Lagerleitung sie zu entkräften suchte, indem sie die Gefangenen zu Mitteilungen wie der obigen nötigte. Wie es um die Ernährung tatsächlich stand, wird nach viermonatiger Haft deutlich, als KR über Kopfweh, Schlafstörungen und zunehmend wackelnde Zähne klagt und in der Folge mehrfach um Medikamente bittet. Nach einem halben Jahr KZ-Haft dann die Meldung „Brechdurchfall“ (19. September). Dass ihn das nicht überrascht hat, geht aus einer Reihe vorausgegangener verhüllender Formulierungen hervor: „Gesund bin ich bis jetzt auch geblieben“ (12. April), „Im allgemeinen bin ich gesund geblieben“ (27. April), “Ich bin immer noch gesund“ (8. Juni), „gesund bis jetzt“ (25. Juni) hervor. „Deine Pillen genommen, Reden wir nicht weiter davon. Die Gesundheit hängt von mancherlei Umständen ab.“ Die Zensur unterlaufend wird hier mitgeteilt, dass mit dem Lagerleben gesundheitliche Risiken verbunden sind. Einige dieser Mitteilungen lassen sich auch so lesen, dass andere schon erkrankt, er selber aber noch gesund ist. Ein Kommentar zur Ernährung ist auch KRs Hinweis auf ein Foto aus der Kriegszeit, mit dem er andeutet, wie stark er abgemagert ist (25. Juni). Hat man hier den Eindruck, dass er die Zensur umgehen will, gewinnt man immer wieder, wo er auf Gerüchte von „draußen“ eingeht, den Eindruck, dass ihm die die Feder geführt wird. „Was da zusammengelogen wird, geht auf keine Kuhhaut.“ (12. April). „Arbeitsdienst haben wir keinen. Auch darüber scheinen nach Deinen Zeilen falsche Gerüchte herum zu schwirren.“ (27. April). „Nur glaube auch den Heuberggerüchten nicht.“ (8. Juni).

Dass die Gefangenen anfangs zwar nicht das „Deutsche Volksblatt“ wohl aber Zeitungen wie den Staatsanzeiger oder die Neckarquelle beziehen konnten, überrascht. Am 30. April wurde auch dieser Kontakt zur Außenwelt abgeschnitten. „Wenn man so ohne Nachricht von außen ist, hat man nach und nach vieles Geistige verloren“, hatte KR zuvor schon beklagt. Ansonsten hält er sich mit Klagen – wohl mit Rücksicht auf seine Familie – sehr zurück. Immerhin schreibt er am 25 Juni, was offenbar dem Zensor entgangen ist: „Sonst hat sich vieles verschlimmert.“ Wie schlecht es ihm wirklich ging, mag man am ehesten daran ablesen, dass er Besuche von daheim ausschließt: „Hier unter keinen Umständen von Euch Besuche.“ (12. April). „Besuche will ich keine von der Familie, das muss man mir ersparen.“ (25. Juni). „Sonst aber keine Besuche“ (17. Oktober). Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass KR unter seinen Gefühlen der Scham, des Zorns und der Demütigung und des Trennungsschmerzes zusammenzubrechen fürchtete.

Die Briefe seiner Frau und von Bekannten, die KR im Lager erreicht haben, dürften untergegangen sein. Lediglich ein am 3. Juni in Stuttgart abgestempelter Briefumschlag an „Herrn / Landtagsabg. Ruggaber / Lager Heuberg / Bau 19 B Zimmer 10“, der die Einladung zur Plenarsitzung des Landtags enthielt, hat sich erhalten. Vielleicht war diese Einladung dem Wirken von Landtagsdirektor Eisenmann zu verdanken, der KR im April auf dem Heuberg besucht hatte. KR schreibt jedoch, er habe weder Bescheid noch Einladung erhalten. Die Annahme, er sei für die Plenarsitzung beurlaubt worden, ist damit wohl hinreichend widerlegt.

Am 20. Oktober, vier Tage vor seiner Entlassung, schreibt KR: „In der Zeitung habe ich auch die große Rede des Reichskanzlers vom 18. 10. gelesen. Darin heißt es u.a.: ‚Das große Werk der Versöhnung in unserem Volke, das der Nationalsozialismus begonnen habe, müsse nunmehr seine Krönung finden. Auch unseren früheren innerpolitischen Gegnern würden wir im Zeichen dieses Ringens der ganzen Nation entgegenkommen u. ihnen die Hand reichen, wenn sie beweisen, dass sie Bekenner der deutschen Ehre u. Friedensliebe seien.‘ Dass ich zu dem stehe u. auch in der Frage deutscher Gleichberechtigung es eine Meinungsverschiedenheit gar nicht geben kann, für mich auch nie gegeben hat, dürfte wohl niemand bezweifeln.“ Du wirst deshalb in Deinen Schreiben wie auch persönlich obiges sehr gut verwerten können. Genau diese Passage sollen KR und weitere sieben SPD-Schutzhaftgefangene in einem Brief vom 22. Oktober an Reichsstatthalter Murr verwendet haben, der als Beweis ihrer Loyalität mit dem NS-Regime und Grund ihrer Entlassung angeführt wurde. Die Echtheit dieses Schreiben wird, da bisher kein Original aufgetaucht ist, von den meisten Forschern bezweifelt. Mit Recht, denn was hätte KR hindern sollen, seiner Frau von dem fraglichen Brief an Murr Kenntnis zu geben, um ihr nahezulegen, seine Argumentation aufzugreifen. Er will ja, dass sie selbst bei ihren Bemühungen um seine Freilassung auf die zitierte Passage der Hitler-Rede Bezug nimmt. Darüber hinaus wirft das dubiose Dokument eine Reihe von Fragen auf. Warum etwa steht KR an erster Stelle der Unterzeichner? Erich Rossmann als Reichstagsabgeordneter war deutlich prominenter als er und war sich dessen auch bewusst. Der zweite Unterzeichner soll Fritz Bauer gewesen sein. Dem steht KRs Mitteilung vom 16. Oktober entgegen, er sei “mit den anderen - außer Fritz, Kurt u. Albert im Garnisons-Arresthaus Ulm”. Trifft die Annahme zu, dass der zweite Unterzeichners Fritz Bauer gewesen sein soll, gewinnt die Beobachtung an Gewicht, dass der vierte Unterzeichner wahrscheinlich kein Ernst Reichl, sondern womöglich Ernst Reichle war. Gab es also das Dokument gar nicht, von dem die Namen in korrekter Schreibung ablesbar waren? Zu fragen ist auch, ob sieben monatelang hermetisch von der Außenwelt abgeschirmte Genossen wissen konnten, dass ihre Partei zerschlagen war. Wie konnten sie von der “ehemaligen sozialdemokratischen Partei“ schreiben? Merkwürdig ist schließlich, dass die Stuttgarter Presse über das angebliche Bekenntnis nichts verlautbart hat. Sodann fehlt In den Erinnerungen Erich Rossmanns, der den Brief mit unterschrieben haben soll, jeder Hinweis auf den Vorgang. Dürfte man von ihm kein Dementi, keine Rechtfertigung erwarten? Und wäre nach dem Zweiten Weltkrieg keine kritische Auseinandersetzung mit Parteigenossen zu erwarten gewesen, die kein solches Bekenntnis abgelegt haben? Könnte es last not least nicht so gewesen sein, dass KRs Hitlerzitat im Brief vom 20. Oktober die heimlichen Mitleser dazu inspiriert hat, es in eine vielleicht ohnehin geplante Fälschung einzubauen?

Auf die Rückseite dieses Briefes hat KR seine erste Nachricht vom Heuberg nach Hause gesschrieben.

10. März 1933

Liebe Martha!

Anbei die beiden Briefe betr. Wohnung. Hoffentlich bringst Du auch das bald in Ordnung. Für [1] würde ich vorschlagen, dort zu bleiben, die 80 RM Verlust kann ich jetzt nicht auch noch tragen. Schreibe auch nach Enzkofen-Mengen. Henke soll auch das Grundstück beleihen lassen. Ich hoffe bald gute Nachricht zu geben.

Senden [1] Du mir meine warme Weste, einen alten Kittel u. Hose, warme Handschuhe, warme Socken, Seife, Zahnpasta. Aber nichts zu essen. Adresse Arbeitslager Heuberg

Auf frohes Wiedersehen
mit herzlichen Küssen
Dein Karl.

warme Unterhose
Meine Mütze (Reise)

Anmerkung:
“Arbeitslager” hat der Zensor mit Rotstift durchgestrichen und durch “Schutzhaftlager” ersetzt.
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Liebe Lotte und Else !

Euer Vater ist mit 46 Jahren das erstemal in seinem Leben eingesperrt worden. Schutzhaft heißt man das jetzt, denn es sind natürlich nur politische Gründe, die zu meiner Schutzhaft führten. Seid also wie seither brav und fleißig in der Schule, sagt auch Eurem Herr Lehrer Bescheid. Ich bin immer in Gedanken bei euch, Tag und Nacht herze und küsse ich euch. Hoffentlich bin ich bald wieder bei euch, seid einstweilen umarmt und herzlich geküsst von

Eurem lieben Papa

24.3.33.

Anmerkung:
Diese Zeilen an die beiden Ruggaber-Töchter stehen auf der Rückseite eines Briefes (vermutlich einer Kopie) an den Genossen Beer. Er betrifft die Wohnungsfrage und ist auf den 17. März datiert, daher dürfte KR ihn bei sich gehabt haben, als er am 19. März deportiert wurde. Zum Datum seiner Festnahme siehe den Brief vom 21. Juli.
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Postkarte
An Frau
Martha Ruggaber
Schwenningen a. N.
Pfaustr. 29

Württembergischer Landtag Stuttgart, den 24.3.1933

Meine Lieben! Immer bin ich in diesen Tagen bei euch. Wenn man hier im Arbeitslager auf dem Heuberg ist, merkt man so recht, wie sehr wir alle aneinander hängen. Mit der Wohnung kann ich jetzt nichts sagen u. nichts tun. Am besten wird es sein, wenn Du es persönl. in Stuttg. regelst. Oder bleibe bis auf weiteres, was vielleicht das beste ist. In Stuttg. gehe zu Klein, regle alles mit Pflüger . Steinmayer[?]. Ich kann nur einmal in der Woche schreiben. Senden kannst Du [1] nichts. Behaltet alle den Kopf hoch, sage Else u. Lotte Bescheid, beide sind lieb u. verständig, in Gedanken bin ich stets bei euch. Keine Zahlungen geschäftlicher Art ! Auf keinen Fall. Die Fraktion hat Bescheid, Albert Pflüger – Stuttg.-Obertürkheim schreibst Du sofort. Und nun küsse ich Euch alle herzlich u. vielmals.

Auf frohes Wiedersehen
Euer Vater
Karl Ruggaber

Nur die Neckarquelle senden, keine von uns.

Seid ohne Sorge, ich bin wohl u. munter. Grüße auch alle Bekannte. - Meinen Koffer habe ich bei mir. - Hohe Schuhe beilegen schwarze.

Herzl. Küsse
 Papa

Anmerkungen:

  • Albert Pflüger (1879 bis 1965), sozialdemokratischer Politiker, 1907-1911 Parteisekretär in Stuttgart,1911 bis 1919 Redakteur der „Schwäbischen Tagwacht“, 1923 bis 1933 Regierungsrat und Oberregierungsrat im Württ. Wirtschaftsministerium, 1914 bis 1933 MdL, Vizepräsident und zuletzt Präsident des Württ. Landtags. KZ-Haft ab Juni 1933 auf dem Heuberg, später in Dachau. (Schröder, Sozialdemokratische Politiker, S. 651)
  • Das nicht entzifferte Wort [1] ist vermutlich von der Zensur unleserlich gemacht worden und dürfte „gar“ gelautet haben.

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28.3.33.

Meine Lieben!

Gestern habe ich das Paket, heute den Brief erhalten. Vielen Dank. Nun ist wenigstens der Sonntagsanzug etwas geschont. Wenn ich jetzt noch einiges dazu verwenden kann, ist es schon besser. Ich brauche noch folgendes:

1. Nadeln u. Faden (schwarz)
2. meine Sandalen.
3. feinen Rasierpinsel, den guten.
4. Adressen zum Aufkleben, damit ich die Pakete heimsenden kann.
5. auch gelbe Begleitadressen.

Alles andere, was mir einfiel, habe ich bereits geschrieben. Du musst eben entschuldigen, erst nach und nach merkt man, was alles fehlt.

Am meisten fehlen mir Zeitungen und Bücher, habe jetzt den Staatsanzeiger bestellt, das Deutsche Volksblatt wurde abgelehnt. Du hast doch daheim jetzt alle Zeitungen abbestellt? Wenn man so ohne Nachricht von außen ist, hat man nach und nach vieles Geistige verloren.

Die 400.— RM hast Du ja jetzt endlich erhalten. Teile peinlich ein. Hat Dir Albert S. geschrieben? Auch ihn musst Du besuchen, seine Adresse mir unbekannt. Im Landtag wird Pflüger das Erforderliche veranlassen. Er hat Bescheid, dass Du ihn besuchst. Aber auf alle Fälle hinterlasse in Schw. Deine neue Adresse. Solange ich hier bin, wird und kann keine Rechnung beglichen werden. Auf keinen Fall. Immer mit dem Hinweis ablehnen, der Mann ist in Schutzhaft.

Mit dem Grundstück wirst Du mit H. geredet u. alles veranlasst haben. Abstoßen sehr überlegen. Am besten, jetzt beleihen.

Hast Du die 50 RM von dem Heimstättenverein erhalten? - Wie hast Du es mit der Volksfürsorge? Ich meine, das eure[?] weiterzahlen. Wie man es bei mir macht, kannst Du mal erfragen. Es soll natürlich nichts kaputt sein oder gehen. Aber solange ich hier bin, sollte man versuchen, Aufschub zu erhalten, ohne eine ev. Einbuße selbst erleiden zu müssen. Vielleicht kannst Du an die Geschäftsstelle Schramberg, [?]haus [1] schreiben.

Krankenkasse zahlen. Für uns beide.

Betr. Wohnung, sei ja vorsichtig. 80 RM haben und nicht haben! Wielange weiß man ja auch nicht. Sei also recht vorsichtig. Mit dem Hinweis auf den Heuberg muss sich für zunächst schon eine tragbare Regelung finden lassen. Du wirst ja mit Pflüger und anderen reden müssen. Ab 1. April werden hoffentlich noch andere Wohnungen frei u. besonders billiger. Tante wird ja auch manches wissen. Und Kläre hat Zeit, mitzugehen. Also nochmals: größte Vorsicht u. besten Weitblick.

Euren Brief vom Freitag habe ich nun im Paket erhalten. Heute kam Dein 2. Brief, datiert vom 26.3. Sonst ist bis heute Dienstag Abend nichts eingetroffen. Man wartet hier bei jeder Post auf Nachrichten.

Leider muss ich um Butter (in der Dose), um fette Lebensmittel schreiben. Ich habe Hunger “Alkohol“ u. Nikotin vermisse ich gar nicht sonderlich. Also etwas rasch Lebensmittel, Fett, Würste, senden.

Eben kommt die Neckarquelle. Die Parlamente werden dem 5. März angepasst. Frau Hiller u. Sophie Döhring verzichten. Nur wird der Landtag später zusammen treten. Leider.

Wirthel ist auch in Schutzhaft. Schreibe auch seiner Frau. Sonst noch viele. Wenn ich nur die Namen aller wüsste ! Wer von den Abgeordneten u. Bekannten?

Else gratuliere ich von Herzen zu ihrer Belobigung in der Oberrealschule. Sie soll nun auch weiter fest lernen. Recht so, wenn Du hingehst zur Schlussfeier. Else kriegt von mir noch etwas Besonderes. Natürlich auch Lotte. Schade, dass man auch die Freude der Konfirmation mit der Schutzhaft verdorben hat, wenn Else jetzt nicht zur Konfirmation kommt, so hat sie auch ein Andenken fürs Leben. Und Else ist das Ebenbild des Vaters. Soll es bleiben. Für immer.

Lotte, Else u. Du sollen sich in Cannstatt gut erholen. Seht euch einiges an. Jetzt muss es ja so nett sein. Hoffentlich habt ihr gutes Wetter u. in jeder Beziehung Erfolg. Vergesst mal das andere. Ich möchte bloß auch dabei sein.

Schreibe auch an Gottlob, an andere, ich habe bis heute an Pflüger u. Dir, sonst niemand schreiben können, da ich nicht so oft schreiben will.

Nun mache ich so langsam Schluss. Grüße die Cannstatter u. alle Bekannte. Ich kann nicht jedem schreiben. Wenigstens jetzt. Nur Kopf hoch gilt für alle.

Else u. Lotte sollen brav bleiben. Ich bin immer bei ihnen. Herze und küsse alle recht herzlich und vielmals.

Und Dich Martha erst recht
Euer Vater


Anmerkungen:
Emilie Hiller, geb. Kittler (1871 bis 1943), während des Ersten Weltkriegs karitative Tätigkeit, in der Weimarer Zeit Organisation der Heilbronner SPD-Frauengruppe, 1919 bis 1933 MdL. (Jürgen Mittag, Die württembergische SPD in der Weimarer Republik, Greifswald 1997, S. 169)
Sophie Döhring (1885 bis 1977), 1917 USPD, 1922 SPD, 1916 bis 1933 Geschäftsführerin des Textilarbeiterverbandes in Stuttgart, 1928 bis 1933 MdL, 1933 KZ Heuberg. (Schröder, Sozialdemokratische Politiker, S. 413)
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Heuberg, 2. April 1933

Meine liebe Else!

Von Deiner Belobigung in der Oberrealschule habe ich im letzten Brief von Mama erfahren. So herzlich ich mich darüber gefreut habe und Dir zu dem Erfolg gratuliere, so arg ist es mir, heute an Deiner Konfirmation nicht mal bei Euch sein zu können. Unsere Freude auf diesen Sonntag ist ins Wasser gefallen. Die Gründe hiezu musst Du verstehen lernen und dazu trotzdem Deinen Konfirmationstag niemals vergessen. Tröste Dich mit so vielen Mädeln und Buben, deren Väter oder Angehörige heute auch nicht daheim sind. Und noch eine Bitte: Nimm Dich Lotte an und lerne in der Schule fleißig und brav tapfer weiter. Das und alles Gute wünscht Dir vom Heuberg mit herzlichen Küssen

Dein Vater.

Meine liebe Lotte!

Auch Du hast ein recht gutes Zeugnis. Dafür kriegst Du von Deinem Papa recht viele Küsse. Und später noch ein nettes Geschenk. Sei also weiter recht fleißig und brav.

Nochmals herzl. Küsse
Dein Papa

3.4.33.
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Meine Lieben ! Den 12.4. geht wieder Post weg. Alles erhalten, auch Br. [1] 8.4. Lotte und Else auch, herzl. Dank. Auch für die netten Bilder. Keine Lebensmittel senden. Jetzt zuerst rein geschäftlich. Telefon abbestellen, Krankenkasse weiterzahlen. Alles andere muss man zurückstellen. Wäsche habe ich. Waschpaket sende ich heim. Betr. Wohnung größte Vorsicht geboten. Falls wir bleiben, auf billigen[!] Wohnung drängen. Auch bei Hr. Eppler[?]. Bevor endgültige Erledigung abwarten oder Sicherheit haben, dass ich Mandat behalte. Ist das nicht der Fall, halte ich es für besser, in St. zu wohnen. Was meinst Du dazu? Schade, dass Du darüber mit den Cannstattern nicht mehr persönlich reden kannst. Rein wirtschaftlich sehe ich nur grau, aber in Schw. wohnen ist noch grauer. Man muss sich natürlich diese rein wirtschaftlichen Fragen, die Wohnungsfragen ebenso, sehr gründlich überlegen und dabei rechnen, ebenso sich mit meinen Freunden in Stuttgart verständigen und wissen, was sie dazu meinen. Als Mandatsträger müsste ich wohl zunächst in Schw. wohnen sollen. Aber Du hast sicher Bescheid darüber was gestern beschlossen ist und musst Dich darauf einstellen. Für mich wäre es jetzt sehr hart, zu dem anderen auch noch diese Sache zu bekommen. - Grundstück anpflanzen. H. soll sehen, ob man es nicht gut abstoßen kann. Wenn ein Notar von Schw. die Vorlage macht, hieher sendet, müsste eigentlich die Beleihung doch möglich sein. Denn die Unterschrift kann ich hier schon leisten. Rede mal mit Henke darüber. Er hat mir auch einen netten Brief geschrieben. War er in Stuttgart, was brachte er mit? Er soll mir auch die neueren Nummern des Staatsanzeigers senden. Sonst aber keine Zeitung. Sicher wird H. Dir besonders auch rein wirtschaftlich gern mit Rat helfen. - Cläre kann sicher mit Albert S. schreiben oder persönlich reden. Ich erhalte noch 186,- RM. Nicht vergessen. - Hier unter keinen Umständen von Euch Besuche. - Sofort an Hugo schreiben wegen meinem 84-jährigen Vater. Er hat mir auch geschrieben. Falls Vater aber schwer krank wird, oder noch Schlimmeres, muss man mir depeschieren. Hieher. Sonst kann es sein, dass ich den 84jährigen Vater nicht mehr sehe. - Alle Korrespondenz von mir erledige bitte Du. Immer nur schreiben, wo ich bin, nichts weiter bemerken. Und dann noch eines: Glaubt doch nicht die wilden Gerüchte über das Heuberglager. Was da zusammengelogen wird, geht auf keine Kuhhaut. Bevor ich nicht um etwas schreibe, nichts senden. Hv. ist auch hier. - Recht freue ich mich, dass man in Sfr. 7 G. Ratsmandate kriegt. Soll ich eines davon annehmen, wenn Mangel ist. Rede mit Gottl. darüber, wenn wir dort bleiben. Ich kann ihm nicht schreiben. Frage ihn auch, wie er wirtschaftlich unsere Sache beurteilt.
Lotte und Else haben so arg hübsche Zeilen geschrieben. Sollen das nur öfters. Ich freue mich riesig auf Post. Dazu haben beide lobenswerte Zeugnisse heimgebracht. Für Else ruhig eine Freistelle erbitten. Mit Henke reden. Kann Kläre nicht mal bei euch oben sein. Was meint Max, und die Ulmer ? Dazu Fritz ? Immer bin ich in Gedanken bei euch. Gesund bin ich bis jetzt auch geblieben. Quälend ist das Ungewisse und die Sorge um euch, um eine Zukunft. Lotte und Else müssen von Dir unterrichtet werden. Einteilen ! Von hier ist es schwer, immer gut zu allem zu raten. Vorsicht im Verkehr mit allen Fragern. - Ich glaube, das ich alle Eure Zeichen habe, dass ihr beunruhigt seid, verstehe ich zwar gut, ist aber unbegründet, ebenso die Auffassung, man hätte hier schwer zu arbeiten: leider ist gar nichts zu tun. Gestern waren Pressebekannte von Stuttg. hier. Konnte mit ihnen reden. Auch erhalte ich die N.quelle. In Cannstatt habt ihr wohl so manche Frage besprechen können. Rede auch mit H. betr. Zuschuss vom Wohlfahrtsamt zur Wohnung. Diese Bezüge nicht auf die lange Bank schieben. Auch mit Gottl. reden betr. DMV. Ob ich weiterzahlen soll, was ich oder Du beziehen kann. Unter Umständen schwarze Marken kleben. Sonst alles sperren, sich dabei ja nicht beirren lassen. Krankenkassen-Antrag sofort erledigen. Ob wir Volksfürsorge zahlen können, fraglich. Stunden lassen zunächst. Nun hoffe ich, nicht viel vergessen zu haben. Schreiben tue ich sooft ich kann. Habt derhalb keine Sorge, ich bin getrosten Mutes, ruhig und schlafe gut. Ich habe auch keine Bange. Bis heute bin ich nicht verhört, also ohne Anklage. Wenn ich nur mal wieder meine Lotte, Else und Dich hätte, wäre vieles besser. Dazu das prächige Wetter in der Osterwoche. Heute ist auch noch mein 47. Geburtstag. Und der Hochzeitstag kommt auch bald. So ist man immer in Gedanken trotzalledem beisammen. Und die Bilder trage ich stets bei mir. So werden wir auch diese Zeit bestehen und neuen Mut für die Zukunft schöpfen. In diesem Sinne wirke auf Lotte u. Else dann gehts desto besser. Seid einstweilen vielmals herzlich geküsst von Eurem Papa. Der Brief wird euch sicher bei eurer Ankunft in Schw. viel Freude bereiten. Darum freue ich mich mit euch. Grüße auch nach Cannstatt, allen Bekannten, denen ich ja nicht schreiben kann.

12.4.33.

Anmerkung: Die Mitteilung “Gestern waren Pressebekannte hier” bezieht sich auf die Gelegenheit zur Lagerbesichtigung, die der Presse am 11. April geboten wurde. Die einen seien hier, “erklärte Polizeipräsident Rudolf Klaiber den Journalisten ‚um sich selbst zu schützen, der weitaus größere Teil aber, um die Bevölkerung vor ihnen zu schützen, weil von ihnen angenommen wird, dass sie die nationale Erhebung stören‘. Die Angehörigen konnten der Presse entnehmen, dass die Gefangenen gemeinschaftlich untergebracht waren, arbeiten mussten, in beschränktem Umfang Post empfangen und versenden durften. Besuche kämen ebenso wenig wie Urlaube in Betracht. Dass die Gefangenen von Anfang an Willkür und Schikanen ausgesetzt waren, wurde wohlweislich verschwiegen. Als bald darauf die SA unter Leitung von Karl Buck das Lager übernahm, gehörte Folter zum Alltag der auf dem Heuberg Internierten. (Kotzurek/Redies, Stuttgart von Tag zu Tag, 1900 – 1949, S. 102 f.)
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Postkarte
An Frau
Martha Ruggaber
Schwenningen a.N.
Pfaustr. 29

Württembergischer Landtag Stuttgart, den 18.4.1933.

Liebe Martha!

Ein Passbild ist bitte sofort an die Direktion mit Angabe meiner jetzigen Adresse zu senden und anzufügen, mir die neue Fahrkarte auf den Heuberg zu senden. Habe heute von der Wiederwahl erfahren

Herzl. Kuss Euer Vater
Lotte Else[?]

Geschäftlich
Abg. Ruggaber
Lager Heuberg
Bau 19 b /10
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27.04.33

Meine Lieben! Erst alles Geschäftliche: Alle Belege sammeln. Wenn möglich, vom Kontobuch die Ausgaben [1]. Auch von Henke erhalte ich noch einen Sammelbeleg. Nichts senden, die Lebensmittel gehen alle in die Gefangenenküche, nie an die Wachmannschaften. Von der Küche werden die Lebensmittel für unser Essen und für unsere Kranken verwendet. Ich habe mich davon genau überzeugt und muss auch diesen Gerüchten von draußen entgegen treten. - In deinen Briefen nur eine Seite beschrieben. Dein letzter Brief über den Umzug waren die interessantesten Stellen darüber weggeschnitten und damit die Rückseite auch. Also ! Vater hat wiederholt geschrieben. Auch Frau Jung u. Ulm. Da ich leider nicht antworten kann, tu Du es. Hugo sei[?] hinfälliger geworden. Von Stuttgart-Albert erhalte ich noch 186.— RM. Leider abwarten, da Max ja weg ist. - Hast Du mit Henke betr. Fürsorge gesprochen? Wie ist es mit dem Gesuch betr. Else-Oberrealschule? - Die Neckarquelle erhalte ich, aber bis heute von Henke keinen Staatsanzeiger. - Was meint Hr. Eppler zur Wohnung? Grüße auch Familie Eppler. - Den Krankenkassenantrag müsstest Du doch schon haben, er war dem letzten Brief (12.4.) beigelegt. Ich schreibe den Antrag nochmals u. lege ihn diesem Brief bei. Die seitherigen Beiträge sind auf keinen Fall ab 1.4. zu zahlen. Wir haben ja auch kein Einkommen. - Wie ist es mit dem DMV? Kriegst Du etwas oder werden die Beiträge weiter entrichtet, ohne Unterstützung zu holen? Ich bin dafür, die Unterstützung jetzt abzugeben. - Wenn irgend möglich, sollen nach Berlin die monatlichen Beiträge von 5 RM für meine Versicherung weiter bezahlt werden. Einzelheiten sind mir jedoch nicht bekannt, nur die Tatsache, dass freiwillig weiter bezahlt werden kann. - Vergesse auch Deine Krankenversicherung nicht. - Von Stuttgart soll Pflüger[?] das Erforderliche veranlassen, falls etwas zu senden ist. - Es ist möglich, dass wieder eine größere Pause im Schreiben eintreten kann. Deshalb keine Unruhe, auch wenn drei Wochen vergehen sollten. - Von Stuttgart war der Herr Landtagsdirektor Dr. Eisenmann hier, der mit mir verhandelte u. zwar im Auftrag des Herrn Landtagspräsidenten. Ob das Versprechen sich erfüllt? Bis heute 27.12.[!] habe ich noch keine Fahrkarte. Auch der Brief mit dem Konterfei von Dir fehlt noch, dagegen ist Deine Karte da. - Lasse auch die Post in Schw. wissen, dass alle Sendungen nicht mehr Arndtstraße 42, sondern Pfaustr.29 zu richten sind. - Im allgemeinen bin ich gesund geblieben. Arbeitsdienst haben wir keinen. Auch darüber scheinen nach Deinen Zeilen falsche Gerüchte herum zu schwirren. Eine den Fähigkeiten entsprechende Tätigkeit vermisse ich sehr. Heute sind es 40 Tage. Kein Verhör, nichts. - Lotte und Else sind ja nun wieder in der Schule. Wie gerne würde ich mit den Kindern wiedermal zur Schule gehen. Beide sollen brav und tapfer lernen, eines Tages sind wir doch wieder beisammen. Immer bin ich in Gedanken auch jetzt bei Euch. Eure Sorgen teile ich u. hoffe zuversichtlich, dass ihr trotzalledem wirtschaftlich gerade stehen bleiben könnt. - Jetzt warte ich wieder, vielleicht kommt vor Abgang dieser Zeilen noch Post. - Wir dürfen unsere Post unfrankiert absenden. Die Empfänger zahlen dann das Porto, aber kein Strafporto. Geld haben wir ja nicht in Händen. - Wenn möglich sende ich dieser Tage mit der Wäsche auch die frischen Hemden und Kragen, die ich hier nicht benötige. - Jetzt nichts senden.
Und immer nur älteste Sachen. Grüße auch alle Bekannten, und schreibe ihnen. Von der Goge habe ich keine Mitteilung.

TGeld hab ich noch

Es eilt.
Herzl. Küsse
Euer Papa

Ich musste rasch abbrechen, die Post wird geholt.
Dienstag, 27.4.33

Brf. Nr. 7

Abs. Karl Ruggaber
Lager Heuberg
Bau 19 B/10

Anmerkungen:

  • Dr. Alfred Eisenmann hatte das Amt des Landtagsdirektors 1921 bis zur Auflösung des Landtages 1933 inne, war dann Leiter der Regierungsbücherei und stellvertretender Präsident des Deutschen Auslandsinstituts.
  • Als Präsident des Landtags war am 5. März der Nationalsozialist Dr. Jonathan Schmid gewählt worden, NSDAP-Mitglied seit 1923, seit 1927 Verleger des Hetzblatts „Flammenzeichen“, 1933 bis 1945 mehrere Ministerämter und zahlreiche weitere Funktionen. Sein Vorgänger war seit Mai 1932 der ebenso überzeugte Nationalsozialist Christian Mergenthaler, seit März 1933 Justiz- und Kultminister, seit Mai 1933 Ministerpräsident und Kultminister. Schwer zu entscheiden, welchen der beiden KR gemeint hat. Hilfe durfte er von keinem erwarten.
  • Die mit Tintenstift außerhalb des Brieftextes angefügte Notiz “TGeld hab ich noch” kann auch als “Geld hab ich noch” gelesen werden und war vermutlich als Einfügung nach Jetzt nichts senden gedacht.

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Postkarte
An Frau
Martha Ruggaber
Schwenningen a.N.
Pfaustraße 29

Württembergischer Landtag Stuttgart, den 3. Mai 1933

L.M. Mit der Wohnung in Stuttgart, ebenso mit den von Henke brieflich angeregten notariellen Verträgen, dem Kauf- u. Verkauf des Grundstücks bitte ich zu zögern bis nach der ersten Landtagssitzung Mitteilung folgt.

Herzl. Grüße
Euer Vater

Geschäftlich!

Abs. Abg. Ruggaber
Lager Heuberg
Bau 19 b /19

Anmerkung:
Geschäftlich! ist mit dickem Blaustift unterstrichen, daneben steht eine Paraphe des Zensors.
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10.5.33

Inhalt

2 Hemden
2 Taschentücher
2 Socken (2 Paar)

An mich senden, aber alles, auch Briefe frankieren
1. 1 alte Weste
2. 2 alte Unterhosen
3. 5 alte Hemden
4. 1 alten Lüsterkittel
5. 1 alte leichte Sporthose, kurz
6. 1 alte Sportstrümpfe
7. 1 altes Schuhputzzeug mit schwarzer Creme
8. 1 Stück Wasch- u. 1 St. Gesichtsseife
9. 2 Stück Handtücher
Großen Carton wie letztes mal.

Dazu gummierte Aufklebadressen u. gelbe Begleitadressen
15 Marken à 6 Pf.

Der Neckarquelle und dem Staatsanzeiger mitteilen, hieher nicht mehr senden,
ab 30.4. kriegen wir keine Zeitungen mehr. Schade um das Geld.

Herzl. Gruß u. Kuss
Euer Vater

10. Mai 1933
Abs. Karl Ruggaber
Lager Heuberg
Bau 19 b/10
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Postkarte
An Frau
Martha Ruggaber
Schwenningen a.N.
Pfaustr. 29

Württembergischer Landtag Stuttgart, den 11. Mai 1933.

Liebe Martha! Die Angestelltenversicherung zahlen wir weiter, gehe Du auf das Amt, zwei Jahre geht die Versicherung meines Wissens noch weiter, also bis 31.9.35. - Die 5 RM für die Unterstützungskasse monatlich bitte ich weiterzuzahlen. Abheben wird man den Betrag noch später können. Ich bitte so zu verfahren.

Herzl. Gruß u. Kuss
Euer Vater

Abg. Ruggaber
Lager Heuberg
Bau 19 b / 10

Geschäftlich
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Lager Heuberg, 22. Mai 1933.
Bau 19 b. Z. 19.
 Geschäftlich

Meine Lieben! Deine beiden Briefe vom 19.5. erhalten. Die Mitteilung [1] der Sperre unseres Sparkontos auf der Städt. Sparkasse Schwenningen ist hart. Wir haben keine Privatschulden, nie in meinem Leben habe ich etwas veruntreut, auch hatte ich keine fremden Gelder. Ich kann mir also gar nicht denken, mit welchen Gründen rein u. ehrlich erworbene Spargroschen der in Not geratenen Familie gesperrt werden könnten. Ob auch bei anderen Abgeordneten gesperrt worden ist, ist mir natürlich unbekannt. Etwa 80 RM sind mir hier beschlagnahmt für die Kosten des Aufenthalts. Was Du nun zu tun hast, ist von hier schwer zu sagen. Hast Du die Ursachen oder die Stelle, die die Sperre verfügte, nicht mitgeteilt erhalten? Folgenden Rat möchte ich geben: Henke soll danach sehen, ev. bei Rechtsanwalt Dr. Bock, Landtagskollege Rottweil , vorstellig werden. Wenigstens solltest Du sofort erhalten, was Du für Dich und die Kinder brauchst. Auch darüber ev. mit dem Hr. Sonderkommissar reden, ebenso mit Gottlob, da ich ja mit Schwenningen finanziell nichts zu tun hatte. Tue also alles, was zur Aufhebung der Sperre zu führen geeignet sein kann. Die Buchungen auf der Sparkasse selbst beweisen ja, dass es wirklich kein Vertuschen gibt. Möglich sollte es auch sein, ein Darlehen aufzunehmen. – Dringend empfehle ich den Umzug nach Stuttgart vorzubereiten. In Schw. können wir nicht bleiben. Ob Du in Schw. umziehen willst, musst Du entscheiden. Von Berlin Entscheidung abwarten. An Max deshalb schreiben, tun, was er auch tut, oder was Du für das Zweckmäßigste hältst. - Hoffentlich kriegst Du von der Fürsorge etwas. Du bist mit den Kindern in einer Lage, in der Du selbständig handeln musst. Halte mich auf dem Laufenden. Schreibe Du auch noch an Pflüger betr. d. Sperre, auch wegen Landtag. Nur halte den Kopf hoch, tröste die Kinder. Ich bin auch wieder ruhig.

Mit herzlichen Küssen
Euer Vater

Anmerkung:
Lorenz Bock (1883 bis 1948), Rechtsanwalt in Rottweil, gehörte der Zentrumspartei an, 1919 bis 1933 Gemeinderat in Rottweil, 1919 Mitglied der Verfassunggebenden Landesversammlung , MdL 1919 bis 14. Oktober 1933, 1928 bis 1933 Vorsitzender der Zentrumsfraktion. August 1944 kurze Schutzhaft im Rahmen der Aktion „Gewitter“. Nach dem Zweiten Weltkrieg wieder Gemeinderat, Mitglied der Beratenden Landesversammlung, MdL und 1947 Staatspräsident. (Schumacher, M.d.L. , S.13; https://de.wikipedia.org/wiki/Lorenz_Bock)
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Heuberg, 7. Juni 1933.
Liebe Kinder Else und Lotte!
Eben schreibt mir Mama von dem baldigen Umzug nach Cannstatt. Ihr müsst also bald in Stuttgart in die Schule. Lernt auch dort so fleißig wie seither u. seid recht brav, dann bleibt ihr sicher bei den ersten Schülerinnen. Else hat am 9. Juni Geburtstag. Ich gratuliere von Herzen. Leider kann ich weder dabei sein noch ein kl. Geschenk geben. Lotte und Else, seid trotzdem recht froh und nehmt von der Schule und sonst von Schwenningen viele liebe Erinnerungen mit. Ihr seid in Cannstatt bekanntlich näher bei den Ulmern und hoffentlich lebt ihr euch auch in der Schule rasch und tapfer ein. Ich will sehen, ob Lotte den Weg findet! So weit weg soll freilich die Schule nicht sein. In Stuttgart gibt es ja für euch so vieles zu sehen. Wenn ich nur auch bald dabei sein könnte. Aber das kommt auch wieder. Bis dahin seid vielmals herzlich geküsst von

Eurem Vater
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Abs. Karl Ruggaber
Haus 19b. Stube 19
Schutzhaft-Lager Heuberg
Post Stetten a.k.M.

8. Juni 1933.
Meine Lieben! Heute ist Schreibtag. Dem Brief vom 1. 6. u. die Cannstätter habe ich. Viel Arbeit u. Kummer ist mit dem Umzug verbunden. Hoffentlich leben sich auch die Kinder in der Schule rasch u. zufriedenstellend ein. Dr. Bock soll alles regeln. Du musst ev. noch zu H. Hermann oder anderen gehen u. erst völlige Aufhebung der Sperre erbitten. Auch in Stuttg. kann sie nicht bleiben. Was hast Du mit dem Hr. Landtagsdirektor geregelt? Ich habe keinen Bescheid erhalten, auch keine Einladung zur Sitzung. Sage das auch Pflüger. Unter Umständen bei Hr. Hermann um meine Vernehmung bitten. Niemand hat bis jetzt etwas davon wollen. Rede auch mit Max [1] darüber. Auch er kann Auskunft geben. Auf alle Fälle ist es unser gutes Recht, für die Familie um unsere Spargroschen alles zu tun. – Eingehend habe ich über eine[?] besondere Sorgen[!] der letzten Monate Betrachtungen angestellt. Wenn ich Deine drei Zusendungen überschlage, so ist für meine Heubergbegriffe das viel u. hätte länger reichen müssen. Natürlich kann ich vieles nicht wissen, Du hast ja alles notiert, und ich schreibe das alles in der steigenden Unruhe um euch. Mit den Spargroschen müssen wir eine neue Existenz aufbauen, anders kann ich mir die Entwicklung nicht denken. Wenn ich nur endlich selbst dabei sein könnte. Hier untätig zusehen zu müssen, wie die Familie sich mehr u. mehr abrackern muss und in Not kommt, drückt immer schwerer auf das Gemüt. An Vater davon nichts berichten, ihn davon verschonen. Am 7.6. hat er Geburtstag. Es wäre Zeit, den alten Herren mit seinen 84 Jahren zu besuchen. Seit Neujahr ist es lange her. Er wartet[?], aber ihr könnte jetzt auch nicht nach Wangen fahren. Hoffentlich ist er gesund u. grämt sich nicht zu sehr. – Im Büro ist als mein Eigentum noch die Uhr, Schuhe, Stock, Schirm, Weste u. Kittel, Tischgerät, alles, was vom Landtag ist. Sieh zu, es zu holen. – Betr. Berlin einverstanden. Abgeben, aber eine genaue Aufstellung verlangen. Seit 1. Aug. 1911 bin ich Mitglied. In Sch auch alles mitnehmen, ev. Henke Auftrag zum Verkauf geben. [1] ab verkaufen, was entbehrlich ist. Aber größte Vorsicht. Bei den Cannstattern ist ja auch ev. Platz zum Unterstellen. Regle auch alles mit dem Heimstättenverein, beim Konsum u. beim DMV solltest Du doch für den Umzug etwas erhalten. Du hast allerdings eine enorme Arbeit in wenigen Tagen zu leisten. Max S. sagen, er müsse eben nur etwas machen, damit auch das erledigt ist. Ihn auch von der Sperre unterrichten u. sagen, ich dränge unter allen Umständen auf die völlige Freigabe unseres Sparkontos. Den Nachweis der Eingänge kann man ja erbringen. Die Ulmer tun mir leid, aber so wie seither können wir sie beim besten Willen nicht mehr unterstützen. – Else soll stenografieren und maschinenschreiben lernen, mit Kläre darüber reden u. kosten soll es auch nicht sonderlich. – Die Zeilen von Henke dankend erhalten. Ich hätte an ihn eine Bitte: Wie uns amtlich mitgeteilt wurde hat die K.K.V. in Schwenningen Flugblätter über den Heuberg verbreitet. Allen Schutzhäftlingen hier, die von Schwenningen sind, ist die Entlassung für drei Wochen gesperrt worden. Lokal u. im Schwarzwälder soll H. eine Notiz veranlassen, dass Unwahrheiten uns u. die Familien nur schädigen. – H. kann versichert sein, wir denken viel u. kritisch, wissen aber auch über vieles nicht oder doch ungenügend Bescheid. So kann ich auch nicht beurteilen, ob jetzt ein Verkauf zu empfehlen wäre. H. soll nun recht bald zu H. Regelmann[?], mir aber das Ergebnis mitteilen. Ich kann mir nicht denken, dass H. Regelmann die Unterstützung versagt. H. soll auch lokal das Erforderliche veranlassen. Beste Wünsche auch an Familie H. – Hinterlasse auch beim Postamt den Auftrag, alles nachzusenden. – Vor dem 26.6. benötige ich keine Wäsche. Ich schreibe dann noch. Sende mir jetzt etliche Landtagspostkarten. Von Stuttgart sollte ich auch noch Bescheid erhalten. Rede mal ernstlich mit Max. Wenn Du in St. bist, hast Du mehr Gelegenheit. Kläre soll sich besonders Lotte und Else annehmen, denen ich mehr u. mehr doch fehle. Im übrigen sei für Dich u. lasse Dich nicht ausfragen. Wer Dir und den Kindern helfen will, lernst Du auch in St. bald genau kennen. Nur glaube auch den Heuberggerüchten nicht. Ich bin immer noch gesund. Nie verhört. Wie gerne ich heimkäme! Nur für Euch sorgen, eine neue Existenz schaffen ist mein Bemühen. Schließlich muss doch der Tag des frohen Wiedersehens kommen. Bis dahin herze u. küsse ich Euch in Gedanken vielmals

Euer Vater

Grüße auch alle Bekannten, Robert besonders.
Einige Besuche wirst Du schon machen. Hilft Dir auch jemand?

Anmerkung
Nach “Nie verhört” (vorletzte Zeile) ist ein Satz vom Zensor unlesbar gemacht.
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Postkarte
an Frau
Martha Ruggaber
Cannstatt
Ebitzweg 54

Württembergischer Landtag Stuttgart, den 22. Juni 1933.

Liebe Martha! An Wäsche benötige ich bis spätestens 1. Juli:

6 alten[!] Hemden, 4 Paar Socken
2 alte Unterhosen für Sommer (2 habe ich noch)
1 altes Nachthemd
2 alte Handtücher
1 Ata-Putzpulver mit 1 Lappen
1 weicher Bleistift (kein Tintenstift)
1 alten[!] Schuhabreibbürste u. den Allaunstein zum Rasieren

Schmutzige Wäsche wird nach Eingang Deines Pakets erst von mir abgesandt. – Briefe bis 16 hier. 13. fehlt noch.

Herzl. Küsse
Euer Vater

Abs. Karl Ruggaber
Lager Heuberg
Bau 19 b, Z.19

Geschäftlich

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Karl Ruggabers Brief vom 25 Juni mit mehreren Eingriffen der Zensur.

Abs. Karl Ruggaber
Haus 19b. Stube 19
Schutzhaft-Lager Heuberg
Post Stetten a.k.M.
Brief N. 11

Heuberg, 25. Juni 1933

Meine Lieben! So kurz wie möglich. Briefe bis 18 erhalten. 13 fehlt. Ich kann nur Dir schreiben. Antworte Du an folgende: 1. Eppler Dank u. ich hoffe, die Familie E. noch gesund wiederzusehen. Karl Wetzel-[1] dasselbe. Familie Schumacher-Tuttlingen, Waghausstr. 6 auch. Man soll von Tuttl. öfters schreiben. – Fritz hat nun 10 Kinder. Sein Weib aber im Krankenhaus. Ein Jammer. Schreibe Du ihm öfters. Auch an Anna, Vater, Frau Jung, Robert, Gottlob. Ich darf ja nicht, sei aber gesund bis jetzt. – Nach Ulm: Auskunft betr. Aufwertung[?] bei der DW erbeten. Das Buch aber erst senden, wenn Geld u. Zins ausbezahlt wird[?], die 110,- sind wieder[?] Ärger genug. – Zwei Geschäftsführer der VMV sagen mir: Auf Anweisung der VMV Bezirksleitung haben die Familien der Häftlinge eine besondere Notlageunterstützung außerhalb des Statuts 13 Wochen auf Antrag zu erhalten. Die Frau 15, jedes Kind 1 RM pro Woche. Max natürlich auch. Er muss sofort auf dem Büro das erforderliche veranlassen. 28 Jahre Mitglied, seit 1.4. kein Einkommen. Andere erhalten dieses Geld, also Du auch. Schon in Schw. hätte man das wissen u. erledigen müssen. Ich bin erstaunt, wie man dort auf dem VMV diese Sache behandelt hat. Mache davon auch Gottl. Mitteilung. – Auch an Heimstättenverein energisch schreiben. – Else soll Englisch lernen, so sprachkundig wie irgend möglich werden: Sie bis zum sog. Einjährigen in der Schule zu lassen, ist meine Absicht. Ob wir es durchhalten, allerdings eine andere Frage. Aber eine abgeschlossene Schulbildung muss Else unter allen Umständen haben. – Bei der Volksfürsorge sich mal konkret erkundigen. Unter Umständen erst stunden oder mit der Verfügung von Dir den Kindern weiterzahlen. Aus bestimmten Gründen möchte ich meine Polize[!] aufrecht erhalten.

Sonst hat sich vieles verschlimmert. Hoffentlich hast Du vom Landtag bisher alles in Ordnung erhalten. Unterschreiben tust Du von mir sonst aber nichts. – Bock mitteilen, dass ich unter keinen Umständen die Sperre anerkenne, sondern auf alle Fälle um völlige Freigabe kämpfen werde. – Besuche will ich keine von der Familie, das muss man mir ersparen. Aber wenn Henke einen Käufer hat, der an Dich gut u. wenn möglich bar zahlt, wäre ich mit einem Besuch des Notars u. H. einverstanden. Auch könnte H. [1] Notar und [1] Baurat mit dem Wagen den Notar bringen. Kosten darf der Besuch freilich nicht viel. Alles sehr überlegen, aber H. beauftragen, alles vorzubereiten.

Deine Mitteilung über das gute Treffen mit der neuen Hauseigentümerin freut mich sehr. Hoffentlich hält es an, auch wenn noch schlimmere Tage kommen. Du musst eben immer mehr selbst das beste herausfinden. Auch mit Max überlegen, was anzufangen ist. Ich kann ja nicht mal Vorschläge von hier aus machen. Seither habe ich immer an Else und Lotte einige Zeilen besonders geschrieben. Dafür war ich immer arg dankbar. Ein Herr von der Zensur hat mir nun das Beilegen besonderer Zeilen die die Kinder nicht mehr gestattet. Selbstverständlich sollen mir Else und Lotte schreiben, aber Du musst ihnen auseinandersetzen, warum ich nicht mehr schreiben kann. In Gedanken bin ich ja immer bei euch, jetzt erst recht. Mir tut es nur so weh, die Kinderbriefe nicht mehr wie seither beantworten zu können. – Man hätte ja so vieles zu schreiben. Ich bin noch gesund. Von der Kriegszeit – etwa 1916 – existiert ein Bild von mir, zivil, so bin ich wieder. Das Bild ist ja vom Krieg. Aber ich stimme Max zu: Alles fließt![?] Seid also ruhig. In der Schule müssen die Kinder lernen, sie gewöhnen sich sicher schnell an Stuttgart. Und Kläre soll sich der Kinder annehmen. Dann hat sie Lebensinhalt. Den Bekannten Grüße, öfters schreiben sollen sie. Was meint Anna? Ich komme eines Tags doch heim.

Mit herzlichen Küssen
Euer Vater

Was sagen eigentlich unsere Cannstatter? Cläre soll auch den Bekannten sagen: öfters schreiben. Man ist hier dankbar für jedes Lebenszeichen.
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Heuberg, 4. Juli 1933.

Meine Lieben! Anbei die erbetene Vollmacht. Das hätte ich längst besorgen können. – Von der Volksfürsorge eine Gesamtaufstellung erbitten. Vielleicht Deines[?] zurückzahlen lassen und damit den Kindern weiterzahlen. Lasse mich wissen, was die Geschäftsstelle dazu sagt.

Mit herzlichen Küssen
Euer Vater
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Vollmacht.
Ich bevollmächtige ohne Einschränkung meine Ehefrau Martha Ruggaber, geboren 30. Dezember 1895 in Stuttgart, wohnhaft in Cannstatt, Ebitzweg 54, mich in sämtlichen Angelegenheiten gegenüber Behörden und Privatpersonen zu vertreten.
Schutzhaftlager Heuberg, 4. Juli 1933
Karl Ruggaber
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Abs. Karl Ruggaber
Haus 19 b Stube 19
Schutzhaft-Lager Heuberg
Post Stetten a.k.M

Geschäftlich!
Heuberg, 19. Juli 1933
Meine Lieben!
Bei Herrn Justizrat Dr. Müller-Meßkirch sind heute zwei notariell beglaubigte Vollmachten für Dich ausgestellt worden, die Dir per Nachnahme zugehen. Die Vollmacht für Henke wirst Du an diesen weiterreichen können. Ich würde empfehlen, mindestens sofort mit H. die Beleihung durchzuführen u. beim w. Verkauf alles bar an Dich abzuführen. Aber das weißt Du ja selber u. auch H. muss wissen, was er zu tun hat, damit nichts verloren geht. Am besten ist – nur das hat Hr. Justizrat dringend geraten – Du gehst sofort mit Cläre[?] zu einem Notar u. lässt auf Grund der Vollmacht alles auf Deinen Namen lautend überschreiben. Also alles, nicht nur das, was Du selbst in die Ehe gebracht hast. Ich habe nichts mehr und beim Verkauf hast Du freie Hand, auch beim Wohnungsinhalt. Deine Vollmacht aber darfst Du nie aus der Hand geben, der Herr Justizrat empfiehlt, im Bedarfsfall Abschriften fertigen zu lassen. Ich
hoffe, dass Du nun mit der Vollmacht in allem zurecht kommst u. mit den Kindern zufriedener bist. Alle Einzelheiten erklärt Dir der Hr. Notar in Cannstatt. – Die Volksfürsorge bitte ich bis 1. Oktober weiterzuzahlen. Dann sieht man wieder.

Mit herzlichen Grüßen
Euer Vater
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Abs. Karl Ruggaber
Haus 19 b Stube 19
Schutzhaft-Lager Heuberg
Post Stetten a.k.M

Br. 12.
Heuberg, 21. Juli 1933
Meine Lieben! Heute ist Schreibtag. Bis Nr. 33 alle erhalten. In Enzkofen würde ich Else gerne sehen. Lotte u. Du sind aber dann allein. Dazu die nicht unbeträchtlichen Kosten. Stunden für englisch muss Else auch in den Ferien nehmen. Überlegt es also sehr. Fritz hat mir geschrieben. – Für die Kinder würde ich gerne mehr schreiben, das mich deren Nervenbelastung sehr beunruhigt. Je länger es dauert, desto schlimmer für die Familie. Else u. Lotte müssen trotzdem am tüchtigsten lernen, auch im eigenen Interesse. Wenn es euch am schwersten ankommt, denkt an den Vater auf dem Heuberg. Der macht es auch so und denkt an euch. – Frau Weiser[?] schreibt von Konstanz. Berlin klappe. Also musst Du nicht locker lassen u. monieren u. ab 1.4. nachfordern. Mitglied bin ich ab 1. Aug. 1911. Lasse Dir eine Gesamtaufstelllung geben. Auch an DMV Eingabe machen. Max muss danach sehen. Ulmer u. andere Kollegen, die hier sind, erhalten es auch. – An Ruths Vater schreiben. Du behältst aber die Austrittserklärung. Nicht locker lassen. – Ist die andere Sache völlig erledigt? Ich bin ohne Mitteilung. Gottlob kann auch nachsehen. 1 Karte und 1 Brief von ihm sind diese Woche eingetroffen. Sonst aber nie etwas. Ihm schreiben. – Hast Du meine Angestelltenversicherung in Ordnung? – Anna soll nur Dir schreiben, sie soll mal kommen, vielleicht kann Else mal nach dorten. – In Ulm muss Vater danach sehen, ich habe keine Adresse. Andere haben es auch geholt. Also! Nicht immer warten wollen. – Auch mit Frau[1] Verkehr pflegen. Dein Hinweis auf das Geschäftliche mit ihr ist mir unklar. – Keine Briefmarken u. kein Papier senden vorerst, wird zurückgehalten. Ich sende[?] an Dich alles unfrankiert.- Hole auf der Kr.Kasse einen Schein, sende ihn mir, lasse Dir von der Kasse auch Pillen gegen Kopfweh geben, im Paket erst senden. Meine Zähne wackeln immer mehr. Muss sie beim Zahnarzt nachsehen lassen. Sende mir den Wortlaut der Preuß. Verordnung. Bei mir wird es hoffentlich auch so werden. Meine ganz große Sorge. Sei ja vorbereitet u. bemühe Dich energisch darum, die Vollmacht auch für die Kinder zu gebrauchen. Alles musst Du zur Hand haben. Kläre kann dabei viel helfen. – Albert Pfl. ist daheim. Sofort besuchen. Ich habe nichts dagegen, wenn Du jetzt ein Gesuch machst. Von Schw. bin ich der einzige [2] Mann., auch von der gewesenen L.Fraktion. Gottl. u. H. sollen sich örtlich darum bemühen. Mahne sie darum. Weiter vermerken: seit 19.3. in Haft, seit 24.3. hier, völlig unbestraft. Frontsoldat. An zuständiger Stelle ist mir hier mitgeteilt worden, eine strafbare oder ungesetzliche Handlung meinerseits liege nicht vor. Dazu Sorgen der Familie, seit 1.4. ohne Einkommen. Vermehrte Not der Familie. Umzug nach Stuttgart. 84-jähriger Vater. Albert u. auch Kläre helfen das Schreiben fertigen. Du gehst selbst oder noch besser mit ihm zum maßgebenden Mann. Immer wieder, wenn nötig. Wir freuen uns über jede Entlassung. Du kannst Dir aber selber denken, wie es wirkt, wenn die einen nach 20 Tagen entlassen werden u. andere sind im 5. Monat in Schutzhaft. Da werden auch Ackergäule gemütskrank. - Vater hat geschrieben. Ich sollte ihn bald besuchen. Es kann ja sein, dass ich ihn nicht mehr sehe, bei so alten Herren sind Überraschungen möglich. – Von Jungs kein Bescheid. Deine letzten Br. u. die 4 Bilder haben mich arg gefreut.. Hoffentlich sind [1] Verletzungen wieder heil. Socken u. Handtücher wasche ich, baden tun wir regelmäßig. – Stefan Bihl, Oberndorf a.N. Konsum, sonst Haug, Tuttlingen, Badstr. 4, GRat Jonas King, Schramberg Karten schreiben. Für Gedenken danken. Ich könne nicht schreiben. Von Haug habe ich nur 1 Brief erhalten. – Eben kommt Br.34. Auf keinen Fall in Berlin nachgeben. Mit Max darüber reden. Eine Frau mit 2 Kindern ohne jedes Einkommen sollte man anders behandeln. Traurig genug, wenn sich niemand darum annimmt. Hast Du auch Turner im Quartier? – Im allg. bin ich noch gesund, aber auf Gemüt u. Gesundheit drückt der Heuberg fühlbarer, je länger man hier ist. In Gedanken immer bei Euch, was mich bis jetzt aufrecht erhalten hat. Kopfweh stellt sich wieder mehr ein. Else tut mir leid. In Sehnsucht herze und küsse ich Euch vielmals

Euer Vater

Bekommt Max von Berlin etwas?

Anmerkung: Zur Frage “Hast Du auch Turner im Quartier?”: In der Zeit von 21. bis 30. Juli kamen rund 200 000 Turnerinnen und Turner zum 15. Deutschen Turnfest nach Stuttgart.
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Inhalt
Fünf Briefmarken zu 6.
Zwei Briefmarken zu 12
Die Marken zu 6 sind auf der Post gegen Postkarten umzutauschen.
1. 8. 33 Ruggaber
Lager Heuberg Bau 19b / Z 19
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Postkarte
An Frau Martha Ruggaber
Stuttgart-Bad Cannstatt
Ebitzweg 54

Württembergischer Landtag Heuberg, den 1. Aug. 1933.

Geschäftlich

Meine Lieben. Wäsche benötige ich bis 12. August. Hemden u. Unterhosen wie üblich. Dazu Halstuch, Waschlappen, die warmen alten Hausschuhe vom Dür, die Gurt vom Rb. Um alles andere habe ich bereits gebeten. Nach Eintreffen Deines Pakets geht meine Wäsche ab.

Herzl. Gruß
Euer Vater

Abs. K. Ruggaber
Lager Heuberg
Bau 19 b/ Z 19

Geschäftlich
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Postkarte
An Frau Martha Ruggaber
Stuttgart Bad Cannstatt
Ebitzweg 54

Geschäftlich

Württembergischer Landtag Stuttgart,den 4. August 1933.

M. L. Schreibe Du sofort: dem Amtsgericht Stuttgart: Gegen den Z.befehl vom … 1933 in der gegen meinen Mann gerichteten Sache, Aktenzeichen … erhebe ich Widerspruch, da mein Mann für ev. Vereinsschulden nicht haftet. – Du hast auf alle Fälle Rechnungen der aufgelösten Rb. u. [1] nicht zu zahlen, alles Vermögen ist beschlagnahmt. – Den Z.befehl mir senden, sofern aber Max die Sache durchführt, nicht. – An Gottl. obiges schreiben, er solle das [1]. Dein Widerspruch reicht auch betr. Termin. Halte mich auf dem laufenden. - An Göhring schreiben, er solle für Rückzahlung eintreten u. das Erforderliche veranlassen. Buch behalten. Die Antwort des Registerrichters an G. nicht schreiben.
Herzl. Gruß
Euer Vater

In keinem Fall solche Rechnungen ausgleichen.

Abs. K. Ruggaber
Heuberg
Bau 19 b/ Z 19
Geschäftlich
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Abs. Karl Ruggaber
Haus 19 B, Stube 19
Schutzhaft-Lager Heuberg
Post Stetten a.k.M

Heuberg, 11. Aug. 1933.

Meine Lieben! Heute Schreibtag. Die Briefe bis 46 sind hier. Hört: Lotte soll nur turnen. Mit Else schwimmen und beide – schöner schreiben. Mit Anna eingehend verhandeln betr. Hilfe für Else. Mina u. Else sollen fremdsprachlich korrespondieren. Dann lernt Else noch besser. Auch auf der Maschine schreiben, nur aufpassen. – In Schw. musst Du bei Deinem Dortsein die alte Sache fertig regeln, abschließen. Gehe nochmals zu Hr. Hermann auch betr. Gesuch. Er soll sich darum bemühen u. sich mit Dir über alles aussprechen. Gottlob hat heute auch geschrieben, er bemüht sich arg, was ich gerne besonders anerkenne. Wohltuend ist dieses Verhalten wirklich. Auch Robert u. seine Frau schließe ich dabei ein. Mit Henke ebenfalls weiter verhandeln, aber ja Vorsicht beim ev. Abschluss. Ich kann leider nur untätig zusehen, bin aber sehr beunruhigt, weil ich die alte Sache erledigt glaubte. Nie hat man mich mehr nach der Protokollaufnahme darum gefragt.. – Dr. S. ist nicht hier. – Beim Zahnarzt war ich ohne jeden Erfolg. Mein Kopfweh bringe ich nicht weg, die Pillen habe ich. – Frau Ulrich näht, die Kinder waren krank, eine böse Sache Kopfkrippe[!]. – Von 2 Briefen hatte die Zensur einige Zeilen herausgeschnitten! Merke: Du u. ich haben u. dürfen in keinem Falle solche Rechnungen zahlen. Wir sind hier für den Ausgleich nicht verantwortlich. M. ist faul, sonst würde er sich der Sache tapfer annehmen. Tue es selber u. zwar in allen ähnlichen Fällen. Falls je ein Termin angesetzt werden sollte, beantrage Vertagung mit der Begründung, ich wolle zugegen sein u. komme in einigen Wochen.

Betr. Eingabe nicht mehr locker lassen. An zuständiger Stelle, bei Hr. Bock u. Hermann immer wieder vorstellig werden, ev.[?] neue Eingabe machen. Lottes Geburtstag! Ich gratuliere herzlich. Wenn ich mal wieder daheim bin, ist so vieles nachzuholen. Herzliche Küsse der Lotte noch besonders. Wie gerne ich daheim wäre, kann ich gar nicht schreiben. Karte an Vater schreiben. Frau Jung schrieb auch sehr nett. Ebenfalls Gottlob u. Haug[?]. – Tue nur soviel als möglich [1]. Man kann es gut gebrauchen. Auch wir haben schwüle Tage.

Auf allen Familienvätern drücken hier die Sorgen für daheim immer mehr. Dass aber zu Hause die Lasten der Frauen trotzdem schwerer zu tragen sind, sagen alle. Die Briefe werden ja auch immer schwermütiger wie im Kriege. Sind doch in den allermeisten Familien seelische Not und wirtschaftl. Sorgen so stark geworden, dass manche krank geworden sind. So wird das Schreiben auch mir recht schwer. Aber seid unbesorgt. Ich bin gesund bis jetzt geblieben u. hoffe auch gesund u. bald heimzukommen. Dann wäre alles wieder gut. Hoffen wir das Beste. Bis auf ein baldiges frohes Wiedersehen umarmt und küsst Euch

vielmals herzlich
Euer Vater

Paket hier. Inhalt stimmt.

Anmerkungen:
Über dem Namen im Absender steht der handschriftliche Bleistiftvermerk “Brief Nr. 13”
Die Mitteilung “Frau Ulrich näht” bezieht sich wahrscheinlich auf die Frau des SPD-Politikers Fritz Ulrich (1888 bis 1969), der u.a. auch auf dem Heuberg interniert war. Vgl. KRs Brief vom 19. September, wo er schreibt: “Von den 21. Personen der einstigen Fraktion von 1928 bin ich mit Ulrich der einzige …”
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20.8.33.
Inhalt des Pakets.

1 Lüsterkittel[?]
1 Sporthose
7 Hemden
1 Schlafanzug
3 Unterhosen
10 Taschentücher
2 Handtücher
1 Nachthemd
1 Halstuch
7 Paar Socken
1 Paar Lederhandschuhe, grau
1 Reiseetui aus Leder mit Kamm, 2 Bürsten, Seifendose, Manschettenknöpfe,
Glasdose
1 Dose Fim (habe noch die alte)
Briefmarken zum Umtauschen 5 x 6 u. 2 x 12 Pf.

Nichts senden, was ich nicht bestelle. Bei Hr. Dr. Weiß alles persönlich erledigen. In 48 waren 5 Zeilen herausgeschnitten. – 4 Bilder erhalten. – Von Sch. erwarte ich Bescheid: alles in Ordnung mit Sparkasse. – Dringend mit Dr. Bock u. Dr. Mauthe[?] verhandeln, evt.[?] Hr. Hermann schreiben. Auch mit Henke weitgehend übereinkommen. – Else soll den Rat bald befolgen. Vater schreiben. Auch er kann mit Hinweis auf seine 84 Jahre die Eingabe unterstützen. – Zu Tantes Auffassung die meine: stärkste Einschränkung brauche ich doch wohl nicht mehr empfehlen. Je nachdem Dr. Mauthe sich auslässt wäre die Suche nach einem kl. Wäschegeschäft gar nicht von der Hand zu weisen. Was meint übrigens Max? – Hoffentlich geht es zu Ende. Du sollst nicht an Dr. S. schreiben.

Mit herzlichen Küssen
Euer Vater

Heuberg
Bau 19 B, Z. 19
Karl Ruggaber
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Abs.: Karl Ruggaber
Haus 19 b Stube 19
Schutzhaft-Lager Heuberg
Post Stetten a.k.M

Heuberg, 31. August 1933
Meine Lieben! – N. 14. Heute ist Schreibtag. Alle Deine Briefe u. Karten bis 54 sind da. Sehr nett von Anna, Else u. Du[?] können diese Hilfe wohl gebrauchen. Else soll überlegen, in späteren Ferien Anna mit dem Rad zu besuchen. In 5 Tagen wäre sie dort. Auch Großvater u. die Goge wäre dabei zu besuchen oder kann Mina[?] entgegen fahren. Wo übernachtet werden muss, weiß ich. – Die Zeilen von Schw. haben mich sehr betrübt. Gerade das nicht erledigt, auf was größter Wert zu legen ist. Nach 6 Monaten habe ich bestimmt auf guten Abschluss gerechnet. Gar nicht begreifen will ich Dein Schreiben nach Ulm. Warum das? Sehr wohltuend ist das Verhalten mancher Familie in Schw. Und doch möchte ich oft nichts sehen und hören. – Die schriftl. Erklärung von Hr. May ist selbstverständlich, aber lieber wäre der bar Ausgleich in Ulm. Verhandle darüber mit Härle, Schlosserstr. 54. Ich bin gar nicht für Ausgleich der 24,50 RM. Zumindest erst das andere haben. Höre: Dr. Bock soll schriftlich oder persönlich die Sache unterstützen. Bitte ihn in diesem Sinne. Auch Vater soll an die bekannte Stelle schreiben. Du musst ihm eben dabei helfen. [1] gefallen, 84 Jahre, meine Unterstützung. Schließlich sollte ich ihn doch auch nochmals sehen. Geschrieben hat er mir, auch sonst noch viele Bekannte. Aber damit ist uns nicht geholfen. An Alber Sauter, Weilheim o/m Balingen schreibe Du: Besten Dank, er soll bei Haigis fragen, ob es für Dich nicht wieder einen Korb Zwetschgen gebe. – Vorläufig kriegt von Berlin niemand etwas. Auch mit Härle darüber verhandeln. Deine Pillen genommen. Reden wir nicht weiter davon. Die Gesundheit hängt von mancherlei Umständen ab. – Herzlich freut mich die Entwicklung von Else und Lotte. Gesund bleiben, lernbegierige tüchtige Menschen müssen beide werden. Würde ich diese Hoffnung nicht hegen –. Else u. Lotte bedürfen indessen sorgsamster Obhut und Pflege. Klara hätte da eine Aufgabe, scheint aber manchmal zu versagen. Im übrigen hoffe ich, dass Du mit den Kindern zurecht kommst u. rechnest. Und weißt, wo und wie anzufassen ist. Leicht ist das nicht. Aber es muss sein. Über das Geschäftliche wirst Du gewiss wertvolle Vorschläge haben, jedoch nicht schriftlich, sondern persönlich muss man darüber sich unterhalten. Es ist eben höchste Zeit, dass der Vater wieder zu den Kindern, zur Familie kommt, die wenigen Bekannten hier sind in derselben Lage. Meine Auftraggeber sind ungeschoren, da hast Du recht. Du weißt, was Du zu tun hast. – Noch eine Bitte: Nichts senden. Mein Paket habt ihr. In Sehnsucht bin ich stets bei euch.

Seid herzlich und vielmals umarmt und geküsst von Eurem Vater

Frau Weißer muss von Konstanz wieder nach Ulm. Hoffentlich bringst Du den Ausgleich von Schwenningen

Anmerkung: Im Anschluss an “Schwenningen” sind ein oder zwei Zeilen geschwärzt.

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Den Aufdruck 'Württembergischer Landtag' ließ Karl Ruggaber anfangs unverändert stehen, nach einigen Wochen strich er ihn durch, zuletzt scheint er genötigt worden zu sein, ihn unkenntlich zu machen.

Postkarte
An Frau
Martha Ruggaber
Bad Cannstatt
Ebitzweg 54

Württembergischer Landtag Stuttgart, den 8. Sept. 1933

Liebe Martha! Mit Dr. Weiß schriftlich die Liquidationsangelegenheit regeln, aber zu Dr. Schmid betr. Eingabe persönlich gehen. Auch Gesuch betr. Schule erledigen. Vom Heimstättenverein hast Du doch die Austrittsbelege? Wichtig wegen Termin. Du musst eben alles besprechen u. in Ordnung halten. Auch mit Dr. Bock.

Herzl. Grüße u. Küsse
Euer Vater

Sickstr. 87

Abs. Karl Ruggaber
Lager Heuberg
Bau 19 B, Z. 19.

Geschäftlich

Anmerkung:
Obige Notiz “Sickstraße 87” stammt von fremder Hand, vermutlich von Martha Ruggaber. Vgl. hierzu KRs Frage “Warst Du in Sickstr. 87?” im Brief vom 1. Oktober. Zur fraglichen Zeit war einziger Bewohner dieses Hauses, das der Stadt Stuttgart gehörte, der Gewerkschaftssekretär und Gewerkschafter F. Engelhardt.
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Postkarte
An Familie
Martha Ruggaber
Bad Cannstatt
Ebitzweg 54

Württembergischer Landtag Stuttgart, den 10. Sept. 1933.

Liebe Martha! Von der Stuttgarter Ortskrankenkasse bitte ich Pillen gegen Durchfall, Kopfweh, auch Pillen als Schlafmittel u. eine Schachtel Goraletten (wie seither ich sie schon hatte) für mich zu holen. Auf keinen Fall aber kaufen, sondern mir Bescheid geben, falls Ortskrankenkasse sich ablehnend verhalten sollte. Die Zusendung kann sofort erfolgen.

Herzl. Grüße u. Küsse
Euer Vater

Brief 57 fehlt!

Abs. K. Ruggaber
Lager Heuberg
Bau 19 B, Z. 19.

Geschäftlich
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Abs. Karl Ruggaber
Haus 19 b Stube 19
Schutzhaft-Lager Heuberg
Post Stetten a.k.M

Heuberg, 19. Sept. 1933

Brief N. 15

Meine Lieben! Die Briefe bis 62 sind hier, auch die Zeilen von Lotte und Else samt Bild. Ungemein freue ich mich darüber. Eure Sparsamkeit ist ebenso anzuerkennen wie der Lerneifer in der Schule. Zum Siebener gratuliere ich herzlich. Fritz hat mir nicht geschrieben, seine Sendung ist hochherzig. Du sollst bei ihm auch Mehl erhalten, musst mit ihm brieflich verhandeln. Ich rate zuerst zur Heimarbeit, Du wärst zu Hause, alles könnte mithelfen. Auch an die Vermietung eines Zimmers denke ich. Besonders aber verkaufe alles Entbehrliche mit Vorsicht, aber behalte die ideellen Werte, das was man zum Erwerb benötigt oder den Kindern geben muss oder will. Leicht ist das alles nicht, einzelne Vorschläge kann ich auch nicht schreiben. Darüber und über das Geschäftliche bist Du im Bild. Lasse nicht und nirgends locker. Immer wieder vorstellig werden und schreiben. Auch bei der Wohlfahrt empfehle ich das wie auch an allen Stellen, wo Du für die Kinder und Dich etwas kriegen kannst. Nur nicht abweisen lassen. Max kann doch mithelfen. Wenn Vater mit seinen 84 Jahren mehr und mehr hinfälliger und unruhiger wird und an die hiesige Kommandantur ähnlich wie nach Stuttgart mit Deiner Hilfe schreiben will, habe ich nichts dagegen. Von den 21 Personen der einstigen Fraktion von 1928 bin ich mit Ulrich der einzige, von den 14 Personen der ehemaligen Fraktion von 1932 und von der diesjährigen ganz allein. Bolz, Joh. Fischer und unendlich viele andere sind daheim. – Wegen Deines Briefes 57 war ich auf der Kommandantur. Ich bitte Dich ebenso herzlich wie dringend im Interesse der Kinder und Dir, schreibe nur so wie erforderlich, auch alle Abkürzungen weglassen. Den Brief 57 habe ich erhalten. Im übrigen sei beruhigt. Wenn Du mit den Kindern gesund bleibst, wird auch wirtschaftlich Gutes geschaffen. Nicht noch mehr schwermütig werden. Sorge für den Winter tüchtig vor. Wie ist es mit Henkes Zwetschgen, mit Weilheim, mit Obst? – Seit Anfang Sept. leide ich an Brechdurchfall. Natürlich war ich beim Arzt. Jetzt ist es besser, nur ist man stark geschwächt. Seid indessen ohne Sorge. Alle Pillen tun mir wertvolle Dienste, alles ist mir ausgehändigt worden. – Die Männer beider Frauen sind alte Freunde von mir. Vielleicht können die Frauen Dir manches raten oder helfen, auch betr. der Kinder u. Arbeit. Sie sollen Euch öfter besuchen, schreiben kann ich nicht, grüße alle u. andere sollen sich ein Beispiel nehmen. – Wünsche habe ich keine. Aber wenn Du bei der Mittelstandshilfe gegenüber dem Gewerbemuseum oder sonst einen recht warmen Wintermantel, eine lange oder kurze ebensolche Hose, beides getragen, auftreiben könntest, wäre es mir sehr recht. Aber nur 2 – 3 Mark höchstens ausgeben. Vielleicht kann Frau Gottfried ev. mithelfen, die Größe ist ja bekannt. Weißt [?], meine alte Hose tut recht gute Dienste, aber warme, ältere Kleidung wäre mir lieber. Die gute Hose trage ich nicht. Es ist hier schon recht frisch. – Nichts senden, bevor ich schreibe. Aber warmes Halstuch, Kopfschützer, Unterzeug etc. richten, alter Teppich, alte Hemden, auch die grünen. Aber ja nicht senden, bevor ich schreibe. Soll ich selber an Dr. Bock schreiben? An [1] habe[?] ich. Max Schmid immer wieder mahnen, Ratenzahlung fordern, nicht verjähren lassen, Durchschlag aufbewahren. Bei Hr. Dr. Weiß bemerken[?], Götz hat alles erhalten. Energisch an Mehm schreiben. Lange genug gewartet. Gottlob Henke hat nicht an mich geschrieben. Anna ist hoffentlich gesund, schreibe Du u. die Kinder. Wenn Mina will, geht es, allerdings ist Else die Nehmende.
Lasse nie u. nirgends locker, ich kann nichts weiter tun als bitten. Halte mit den Kindern Dich tapfer. Ich hoffe immer noch auf ein frohes, baldiges Wiedersehen.

In Gedanken immer bei Euch, umarmt und küsst Euch vielmals Euer Vater.

Herzl. Grüße auch an Vater, die Ulmer u. allen Bekannten
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Heuberg 24.9.33

Meine Lieben! Anbei einige Wäsche:

2 Hemden
1 Unterhose
2 Paar Socken
2 Taschentücher
1 Paar Sandalen

Dazu einen Arztschein zum Empfang der Pillen. Du musst aber – so sagt der Arzt – in Stuttgart auf der Kasse den Schein bestätigen ev. vom Arzt. Die Pillen erst mit dem nächsten Paket schicken. Ich schreibe darum noch.

Henke soll sich doch in der Stuttgarter Eingabe wie auch in den anderen ebenso wichtigen Sachen immer wieder bei Dr. Bock bemühen. Es wäre jetzt Zeit nur Dr. Bock kann beides erreichen. Nur nicht locker lassen. - Was war beim Hr. Rektor? Hoffentlich Gutes. Von Weilheim erhielt ich eine Karte, vielleicht musst Du auf die Sendung noch etwas warten. – Die Pillen habe ich. Brief 63 auch.

Mit Else u. Lotte sei vielmals
herzlich geküsst
von Eurem Vater

Karl Ruggaber
Lager Heuberg, Bau 19 b / Z. 19.
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Abs. Karl Ruggaber
Haus 19 b Stube 19
Schutzhaft-Lager Heuberg
Post Stetten a.k.M

Heuberg, 1. Okt. 1933.

Geschäftlich!

Meine Lieben! Beifolgend Brief u. Karte betr. Heimstättenverein. Gebe Du Henke davon Kenntnis und bevollmächtige ihn bei Hr. Hummel[?] das Erforderliche zu veranlassen. Auf den Termin des Austritts abheben. Ich schreibe in dieser Sache nur an Dich. Ob ich an Dr. Bock schreiben soll oder muss, bei Henke anfragen. - Hoffentlich geht beim Rektorat die Sache bald in Ordnung. Wie man mir sagt, ist manche Erleichterung herauszuholen. – Hat Vater inzwischen beide Eingaben gefertigt? Auch bin ich damit einverstanden, dass Du wiederholt in Stuttgart schriftlich u. mündlich vorstellig wirst, ebenso bei Härle u. in Berlin. Es ist wirklich nicht unbescheiden jetzt das zu tun u. von der Unterstützungsvereinigung die Abfindung zu erhalten.

Hast Du meine Wäsche u. den beigelegten Brief erhalten? Ich brauche: 1 größeres, warmes Halstuch, einen Kopfschützer, altes Stopfgarn, Unterhemden, Knieschützer, Teppich, alte Hemden, wenn möglich, lange Strümpfe. Nur älteste Sachen! Hast Du meine schwergenagelten Schuhe noch? Warst Du in Sickstr. 87? Falls den Mantel u. die Schuhe auftreiben kannst, schreibe mir darüber erst u. überlege, die ganze Sendung im großen Koffer an mich gelangen zu lassen. Ich würde den Koffer, der hier ist, mit Wäsche zurücksenden. Deine Pillen habe ich. Erst alles an mich senden, wenn ich Termin angebe. - An Vater kann ich leider nicht schreiben, auch sonst nicht an Bekannte.

Mit herzlichen Küssen
Euer Vater
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Abs. Karl Ruggaber
Haus 23 b Stube 1.
Schutzhaft-Lager Heuberg
Post Stetten a.k.M

Heuberg, 4. Okt. 1933

Brief N. 16. Meine Lieben!

Eure lb. Briefe bis 67 habe ich. Im Paket sandte ich den Arztschein für die Pillen, Sandalen; 2 Hemden, 1 Unterhose, 2 Paar Socken, 2 Taschentücher. Weiter bat ich, Henke soll sich energisch bei Dr. Bock bemühen, der beides bestimmt erreichen kann. Du musst immer wieder persönlich u. schriftlich vorstellig werden. Ob ich selber an Dr. Bock schreiben soll, kann Henke selbst am besten nach seinen Verhandlungen beurteilen. Deshalb anfragen bei ihm u. mir Bescheid geben. Mir auch schreiben, ob Du Mantel u. Hose oder eines von beiden aufgetrieben hast. Vorerst nicht senden, auch Termin von mir abwarten. – Mein Brechdurchfall ist behoben, seid unbekümmert, zum Arzt bin ich wiederholt. Freilich bin ich recht schlank geworden, aber das schadet wirklich nichts. Anna handelt hochherzig, Else soll ja keine dummen Kurten[?] machen, Hauptsache bleibt stets die Gesundheit. – Frau Ulrich[?] hat in ihrer Wohnung einen Textil- u. Restehandel aufgemacht., Näheres könnte darüber Frau Pflüger erzählen. Dass Else u. Lotte so tapfer lernen u. die besten Zeugnisse sich erarbeiten wollen, höre ich mit ganz besonderer Freude. Bei so vielen fleißigen Schülern ist es ja nicht leicht, bei den allerersten zu sein. Macht nur so fort euren Lehrern u. Angehörigen zur Freude u. euch beiden zum Nutzen für das ganze Leben. Eure Zeugnisse unterschreiben ist alle meine Sehnsucht. Wenn wir wieder beisammen sind, muss und wird auch alles gut werden. Am Sonntag hörten wir den ganzen Tag mit Radio den Erntedanktag für Gedanken hoher Ideale u. [1] prächtiger Leistung. Etwas Obst habe ich mir von den vielen Gaben ausgebeten, sicherlich ein bescheidener Wunsch. - Heute haben wir Schreibtag, beachte den nächsten in drei Wochen, auch die neue Adresse, Bau 23 b / Zimmer 1.

Sonst weiß ich heute nicht mehr viel. Warst Du zu Besuch Sickstr. 87? Ich kann eben nur Dir schreiben. Alle Bekannten müssen sich mit Grüßen begnügen. Hattest Du wieder Besuch von den Frauen?

In Gedanken stets bei euch, umarmt u. küsst euch alle vielmals
Euer Vater
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Abs. Karl Ruggaber
Haus 23 b Stube 1
Schutzhaft-Lager Heuberg
Post Stetten a.k.M.

Heuberg 16.10.33

Geschäftlich

Meine Lieben!

Betr. Heimstättenverein hat mir Henke geschrieben. Auf dem Klageweg will er einen konkreten Fall herbeiführen u. daraus erkennen, ob u. was in seiner und unserer Sache zu erreichen ist. Rasch dürfte das leider nicht gehen. Das gilt auch für die 50 RM von Schmid, die aber nicht verfallen dürfen- Überrascht bin ich durch die Mitteilung betr. Gerokstraße[?]. Ich glaubte das geregelt, hoffe jedoch, dass Du auch diese Angelegenheit in Ordnung hast. Auch bin ich damit einverstanden, wenn Du gerade so handelst, wie es Henke in seinem Falle getan hat. Er soll Dir an die Hand gehen und das Erforderliche sofort veranlassen. Wegen Dr. Bock hat Henke mir nicht geschrieben. Auf keinen Fall liegen lassen, in Stuttgart musst Du immer energischer vorstellig werden. Auch schriftlich. Du bist ja im Bild. Und Berta auch. Sobald Härle von Berlin zurück ist, mit ihm betr. Unterstützungsvereinigung verhandeln. Max ist daran auch interessiert u. kann er diese Verhandlungen führen.

Meinen Lodenmantel möchte ich heimsenden. Else braucht sicher daraus einen Mantel. Du musst also vorher entscheiden, welcher von beiden wärmer und für mich geeigneter ist. Keinen Teppich senden, den Termin schreibe ich noch. Wäsche sende ich jetzt noch nicht. Bist Du mit der Erledigung auf dem Rektorat zufrieden?

Herzliche Grüße[?] u. Küsse
Euer Vater
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Geschäftlich

Ulm / Donau, 17. Okt. 1933

Garnisons-Arresthaus – Verl. Frauenstraße

Meine Lieben! Seit 16. 10. bin ich mit den anderen – außer Fritz, Kurt u. Albert – im Garnisons-Arresthaus Ulm. Nach dem Heuberg gesandte Post erhalte ich natürlich auf alle Fälle. Du brauchst auch sonst nicht erschrecken. Aber an Hr. Dr. Schmid schreibst Du die Veränderung u. erinnerst ihn an sein Versprechen. Überhaupt jetzt mit ihm sich unablässig ins Benehmen setzen. Auch wieder persönlich. Weiter: Großvater hier ersuchen, beim Innenministerium Besuchserlaubnis bei mir zu erbitten. Sonst aber keine Besuche. Daheim bringst Du alles in Ordnung, weil ich völlig ausgeschaltet bin.

Den grünen Mantel hier sende ich dann mit der alten Hose u. der Wäsche heim. Sende Du also jetzt das Paket ab, es eilt jedoch nicht besonders. Wenn Du aber für Else den Mantel dort besser verwenden kannst, wenn er für mich nicht passender und besonders wärmer ist, benütze ich den, der hier ist. Dann also nicht senden. Halstuch, das vom Kriege her. Alles andere weißt[?] Du, beilegen eine alte Abreibbürste für Schuhe, einen Trinkbecher, falls Unzerbrechliches nicht möglich, tut es ein altes Senfglas. Alten Teppich nun doch senden. Nur älteste Sachen. Bis 71 Deine Briefe erhalten.

Seid alle miteinander herzlich umarmt und geküsst von Eurem Vater

Vielleicht ist es doch am besten, den großen Koffer zu senden, wenn Du den Mantel, die Hose samt Wäsche schicken sollst.

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Ulm a.D. 20. Okt. 1933

Garnisons-Arresthaus-Verl. Frauenstr.

Meine Lieben! Briefe bis 73 hier, Blumen, Zeichnung ebenfalls! Mit Bildchen hängen sie über meinem Tisch u. wir freuen uns alle darüber herzlich. Ich bin ruhiger und zufriedener, wenn ich mir den Grund der Veränderung auch nicht im mindesten erklären kann. Das geht allen so. Du [1], ich bin mit 47 Jahren weder vorbestraft, auch nicht angeklagt, habe weder gestohlen, noch betrogen, keinen Meineid geleistet, nach der Aussage maßgebendster Kreise auf dem Heuberg auch sonst keine ungesetzliche Handlung begangen. Geführt habe ich mich gut, bin noch vor 14 Tagen in Bau 23 versetzt worden u. auch hier in [1]. Mir ist es völlig dunkel, weshalb ich hieher gekommen bin. Dass durch eine solche Veränderung daheim große Unruhe, gesteigert durch Zeitungsmeldungen, entstehen kann, tut mir furchtbar leid, wenn ich es auch sehr begreife. Du wirst das Erforderliche veranlassen müssen. Deinem Brief an Herrn Dr. Schmid vom 18. 10. werden weitere folgen. Überlege immer ruhig. In der Zeitung habe ich auch die große Rede des Reichskanzlers vom 18. 10. gelesen. Darin heißt es u.a.: „Das große Werk der Versöhnung in unserem Volke, das der Nationalsozialismus begonnen habe, müsse nunmehr seine Krönung finden. Auch unseren früheren innerpoliotischen Gegnern würden wir im Zeichen dieses Ringens der ganzen Nation entgegenkommen u. ihnen die Hand reichen, wenn sie beweisen, dass sie Bekenner der deutschen Ehre u. Friedensliebe seien.“ Dass ich zu dem stehe u. auch in der Frage deutscher Gleichberechtigung es eine Meinungsverschiedenheit gar nicht geben kann, für mich auch nie gegeben hat, dürfte wohl niemand bezweifeln. Du wirst deshalb in Deinen Schreiben wie auch persönlich obiges sehr gut verwerten können. Setze also[?] Deine Bemühungen energisch fort, wie Du es nach der Unterredung und dem Versprechen tun musst. Weihnachten kommt immer näher.
Großvater tut mir sehr leid, wünsche [?] ihm alles Gute. Bei meinem 84-jährigen Vater muss man auch mit allem rechnen. Urlaub werde ich jedoch nicht nehmen, auch Du gehst nicht nach Mengen. Natürlich muss Lotte einen Mantel haben. Henke wird nicht für uns, sondern für sich klagen. Das gilt auch für Schmid. Nur nichts verfallen lassen. Betr. Gerokstraße u. ähnlichem bin ich zufrieden, wenn Dir u. den Kindern auf keinen Fall irgend etwas verloren gehen kann. Hoffentlich hast Du alles veranlasst. Else soll so sprachkundig wie irgend möglich werden. Da u. in der Energie sind wirklich[?] die Kinder von Anna beispielgebend. Else und Lotte aber werden sicher die großen Hoffnungen ihres Vaters erfüllen. Schade, dass Anna jetzt nicht kommen konnte. So hat man allerdings die Freude noch vor sich. Geschrieben hat mir Henke, Haug, Oberndorf u. Gottlob. Marias Brief habe ich noch nicht erhalten. Die Wäsche sende ich erst später, habe noch zu wenig. Jedenfalls den grünen Mantel sicher. Er ist besser daheim. Es eilt auch mit Deinem Paket nicht. Vielleicht kannst Du noch warten, bis Du die Hose hast. Keine besonderen Ausgaben dafür. Zu schade ist die, die ich noch hier hab. Beachte auch den Termin der schriftlichen Anmeldung betr. Donau Wacht. Anmelden[?] 110.- RM samt Zins und Zinseszins. Sonst nichts bemerken. Buch u. Durchschlag gut aufbewahren. Hoffentlich habe ich jetzt nichts vergessen. Bei Großvater habe ich Schreibpapier, unfrankierte Postkarten u. Romane bestellt. Du kannst gelegentlich10 Marken à 6 senden.

Die Kinderbriefe freuen mich jedesmal besonders. Lotte hat Zeichentalente. Sie und Else lernen ja sehr fleißig u. das ist gut so. Das Schulgeld für Else ist scheints in Ordnung. Wenn ich nur wieder bei Euch daheim wäre. Auch das kommt u. alles wird wieder gut. Gesund bin ich, seid ohne Sorge. Grüße an alle Bekannten.

Ich umarme u. küsse euch vielmals herzlich
Euer Vater

Anmerkung: Das Hitler-Zitat stammt aus dessen Rede auf der Führertagung im Plenarsaal des Preußischen Landtages vor Reichsleitern, Gauleitern, höheren SA- und SS-Führern und den Gaupropagandaleitern. Sie fand nicht, wie KR schreibt, am 18. sondern am 17. Oktober 1933 statt.

Der Brief im Staatsanzeiger für Württemberg, mit dem sich Karl Ruggaber und sieben weitere SPD-Genossen mit dem NS-Regime solidarisiert haben sollen.

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