Cannstatter Stolperstein-Initiative

Barbara Johanna Herrmann: "verlegt" nach Grafeneck

Wer waren die Menschen, die der NS-„Euthanasie“ zum Opfer fielen? Man möchte ihre Biografie kennen, aber von Barbara Johanna Herrmann wissen wir nur, dass sie in Kaiserslautern zur Welt kam und dort mit sechs Geschwistern aufgewachsen ist. Ihr Vater kommt früh durch einen Unfall ums Leben. Sie durchläuft mehrere Volksschulen, dann eine Haushaltungsschule. Seit 1912/13 ist sie in Stellungen, ab 1923 in den USA als Zimmermädchen und in „besseren Stellen“. 1929 kommt sie besuchsweise nach Cannstatt, 1934 wird ihr in Amerika zur erneuten Heimreise geraten, sie bedürfe der Erholung. Sie kehrt zu ihrer verwitweten Mutter in die Martin-Luther-Straße 72 zurück. Bald darauf kommt sie erstmals zur Behandlung ins Bürgerhospital, wo man sie für „erbkrank“ erklärt. 1935 wird Barbara Johanna Herrmann in die Heilanstalt Winnental aufgenommen, wo man sie behütet glaubt. Aber von dort geht ein Fragebogen nach Berlin, wo ein Arzt, der sie nie gesehen hat, über ihr Schicksal entscheidet. Ihre Krankenakte erhält den Vermerk „verlegt“, dann wird sie in einem der berüchtigten grauen Busse nach Grafeneck verbracht und gleich nach ihrer Ankunft im Gas erstickt.
10 654 Gasmorde im Jahr 1940, so lautet die Bilanz von Grafeneck. Ausrotten und dem Vergessen anheim geben, hieß das Ziel der NS-Täter. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, steht im Grundgesetz. Barbara Johanna Herrmann ist dieser Würde beraubt und qualvoll ermordet worden. Daran soll ihr Stolperstein erinnern, aber auch an die Neigung des Menschen zur Hybris.
.Martin-Luther-Straße 72, Stolperstein verlegt am 15. April 2013.
© Text: Rainer Redies, Cannstatter Stolperstein-Initiative
© Bilder: StAS, Anke Redies, Cannstatter Stolperstein-Initiative

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