Cannstatter Stolperstein-Initiative

Eugen und Elsa Kauffmann: Optimistisch bis zuletzt

Eugen Kauffmann wurde am 18. Januar 1872 in Stuttgart als Sohn von Jakob Kauffmann und der Linda, geb. Löwengard, geboren. Sein Vater war Fabrikant mit einer Textilfabrik in Stuttgart Zuffenhausen. Eugen Kauffmann war 23 Jahre alt, als er seine Approbation als Arzt erhielt. Er promovierte 1895 an der Universität Freiburg. 1896 studierte er französische Literatur an der Sorbonne in Paris. Von 1897 bis 1902 war er Assistenzarzt bei Professor Königsberger in Stuttgart.
1902 heiratete Eugen Kauffmann, aus dieser Ehe ging am 26. Mai 1904 sein Sohn Fritz hervor. 1905 ließ sich Eugen Kauffmann mit einer Privatklinik mit 9 Betten als Facharzt für Augenheilkunde in der Karlstraße 44 in Bad Cannstatt nieder. Die Praxis war täglich außer samstags geöffnet. Im Ersten Weltkrieg diente er als Oberstabsarzt, Frontkämpfer und Kommandant eines Lazarettzuges und einer Augenklinik in Odessa. Er wurde mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse ausgezeichnet.
In dritter Ehe war er mit der am 28. Juli 1886 in Stuttgart geborenen Elsa Neuburger verheiratet. Sein Sohn Fritz wohnte bis zu seiner Übersiedelung nach Australien 1927 bei ihm. Bis 1933 verdiente Eugen Kauffmann mit seiner Klinik sehr gut. Aufgrund der Boykottmaßnahmen wuchs ab 1933 der Druck auf die Patienten, nicht mehr zu jüdischen Ärzten zu gehen, was sich auch durch Patientenrückgang bei Eugen Kauffmann wiederspiegelte. Ein Freund Eugen Kaufmanns berichtete dem Bruder von Elsa Kauffmann im August 1959, dass die beiden sich nur noch das billigste Mittagessen leisten konnten und auf den Nachmittagskaffee verzichten mussten. Patienten seien in diesen Jahren kaum noch in seiner Praxis gesehen worden, sodass sein Einkommen auf einen „kümmerlichen Betrag zusammengeschrumpft“ war.
1937 besuchte Fritz Kauffmann seine Eltern in Stuttgart. Nach der Kündigung seiner Praxisräume musste Eugen Kauffmann 1937 die Klinik aufgeben und die Konsultationsräume in seine Wohnung verlegen. Am 1.1.1938 wurde ihm die Kassenpraxis entzogen. Am 30. September 1938 erlosch seine Bestallung, er wurde aus dem württembergischen Arztregister gestrichen. Am 30.4.1939 musste das Ehepaar Kauffmann aus dem “arischen” Haus Karlstrasse 44 in das “jüdische” Haus Weidachstraße 16 in Stuttgart Degerloch umsiedeln. Fritz Kauffmann berichtete, daß sein Vater „bis zum Ende davon überzeugt (war), er als alter Frontkämpfer mit vielen Orden und Ehrenzeichen, werde nach Kriegsende wieder praktizieren dürfen.“ Eugen Kauffmann besaß eine große medizinische Fachbibliothek und eine ausgewählte Bibliothek allgemeiner Literatur, er sprach 8 Sprachen. Sein Hobby war der Erwerb wertvoller Erstauflagen. Seine Bibliothek wurde von den Nationalsozialisten eingezogen. Bei der Umsiedlung nach Oberdorf / Bopfingen und der Deportation nach Theresienstadt musste das Ehepaar Kauffmann seinen Besitz zurücklassen. Frau Anna Maria Herz berichtete am 10. Juni 1952 über die Zwangsübersiedlung des Ehepaars Kauffmann: „[…] Im Jahre 1941 fand die Landumsiedlung des Ehepaares Kauffmann nach Oberdorf statt. Ich kann mich ganz genau daran entsinnen, daß das Ehepaar Kauffmann die gesamte Wohnungseinrichtung – mit Ausnahme einiger Kleinigkeiten (Kleider etc.), also Gegenstände, die sie zu ihrem täglichen Leben dringend benötigten - zurücklassen mußten. Die Wohnung wurde vermutlich von 2 Herren der Gestapo, die das Ehepaar Kauffmann abholten, versiegelt. Was mit dem Mobiliar danach geschehen ist, weiß ich nicht […]“
Daimlerstraße 44, Stolpersteine verlegt am 12. April 2011.Daimlerstraße 44, Stolpersteine verlegt am 12. April 2011.Fritz Kauffmann berichtete, daß seine Eltern 1939 nach Schanghai emigrieren wollten, da dies „der einzige Platz in der ganzen Welt (war), wo ein Arzt sofort praktizieren konnte, ohne ein Examen ablegen zu müssen und von einer Behörde zugelassen zu werden.“Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhinderte die Emigration des Ehepaares. Ab 19. September 1941 mussten die Kauffmanns den Judenstern tragen. Im selben Jahr wurde das Ehepaar nach Oberdorf / Bopfingen zwangsumgesiedelt. Am 22. August 1942 erfolgte die Deportation nach Theresienstadt, wo Eugen Kauffmann 71-jährig am 3. August 1943 verstarb. Seine Frau Elsa wurde nach Auschwitz weiterdeportiert, wo sie am 12. Oktober 1944 für tot erklärt wurde. Fritz Kauffmann überlebte den Krieg in China. 1950 übersiedelte er nach New York.

Quellen: HStAS Bestand EA 99/001 Bü 168; Bestand EL 350 I Bü ES 2904; K 50 Bestellnummer 2021; EL 350 I Bestellnummer 9254.



© Text: Susanne Rues
© Bild: Anke Redies, Cannstatter Stolperstein-Initiative

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