Cannstatter Stolperstein-Initiative

Familie Rothschild aus der Wildunger Straße

Josef Rothschild, der Vater ...... und sein Sohn Friedrich RothschildAm 23. Oktober 1941 wurden die Sachbearbeiter der Gestapo- Leitstellen von Adolf Eichmann nach Berlin zitiert und in das Programm der „gesamteuropäischen Entjudung“ eingewiesen. Daraufhin hat die Gestapo Stuttgart 1000 württembergische Juden ausgewählt, die am 1. Dezember mit dem Zug Da 33 nach Riga im „Reichskommissariat Ostland“ deportiert wurden . Zu ihnen gehörte Friedrich Rothschild, der bis dahin bei seinen Eltern in der Wildunger Straße 30 (vormals Bismarckstraße) gelebt hat. Es ist anzunehmen, dass er im väterlichen Geschäft tätig war, einer Wäschehandlung und Grundstücksvermittlung. Seine Eltern blieben zurück, weil Personen im Alter von über 65 Jahren gemäß einem Erlass der Geheimen Staatspolizei für diesen Transport nicht in Betracht kamen. Die Jüdische Kultusvereinigung musste Friedrich Rothschild darüber informieren, dass er sich zur „Evakuierung“ bereithalten müsse und jeder „Versuch, sich der Evakuierung zu widersetzen oder zu entziehen […] zu schweren Folgen führen“ könne. Auf die Fahrt durften nur leichtes Handgepäck, ein Mantel und zwei Decken mitgenommen werden. Das große Gepäck, insgesamt waren maximal 50 kg plus eine Matratze erlaubt, war schon vor dem Abreisetermin irgendwie zum Killesberg zu schaffen. Mit der Anordnung, Werkzeug und Küchengerät für Gemeinschafts-verpflegung sollten ins „Siedlungsgebiet“ mitgenommen werden, wurde versucht, den Opfern dieser ersten Deportation aus Württemberg eine Umsiedlung vorzutäuschen. Zu den Tagen im Sammellager auf dem Killesberg gehörte, dass die Menschen nach Geld, Schmuck und Waffen durchsucht wurden. Auch nach Gift wurde geforscht, weil mit Selbstmordversuchen aus Verzweiflung gerechnet wurde. Nächtigen mussten die von ihren Angehörigen getrennten und aus ihrem gewohnten Leben gerissenen Menschen großenteils auf dem Fußboden ohne Matratze und Zudecke. Um drei Uhr morgens wurden sie mit Lastwagen zum Nordbahnhof gefahren und in überfüllte Personenzüge gepfercht. Die Israelitische Kultusvereinigung hatte Oberlehrer Kahn zum Transportleiter ernannt und ihm 20 Gruppen-Obleute zugeordnet, zu ihnen gehörte auch Friedrich Rothschild. Ob sie viel ausrichten konnten, erscheint fraglich, denn Türen und Fenster der Waggons waren verschlossen, um Fluchten vorzubeugen, und einen Korridor von Waggon zu Waggon gab es nicht. Die zweitägige Fahrt fast ohne Bewegungs-möglichkeit war eine Tortur. Es gab keine Waschgelegenheit, und die Toiletten waren zugefroren. Beheizt wurden die Waggons von der Dampflokomotive aus, deshalb litt man in den vorderen Waggons unter Hitze, hinten dagegen unter Kälte. Per Verordnung war dafür gesorgt, dass die Deportierten mit Überschreiten der Reichsgrenze die deutsche Staatsbürgerschaft verloren. Ebenso verfiel ihr vorher per Fragebogen sorgfältig erhobenes Vermögen dem Deutschen Reich. Bei der Ankunft am 4. Dezember auf dem Bahnhof Skirotava bei Riga wurden die Erschöpften mit Schlägen und Beleidigungen begrüßt und zum heruntergekommenen letti-schen Staatsgut Jungfernhof getrieben. Dort waren am 2. Dezember bereits tausend Juden aus dem Fränkischen eingetroffen, und zwei weitere Transporte folgten innerhalb weniger Tage, sodass 4000 Menschen bei Eiseskälte in unbeheizten, zugigen Scheunen untergebracht werden mussten. Diese Art Unterkünfte, unzu-reichende Kleidung, miserable Ernährung und gnadenlose Ausbeutung als Arbeitssklaven ließ schon im Winter 1941/42
800 bis 900 Menschen an Entkräftung und Erfrierung zugrunde gehen. Keiner weiß, ob Friedrich Rothschild den ersten Winter auf dem Jungfernhof überlebt hat, ob er beim Aufbau des benachbarten Lagers Salaspils zu Tode geschunden oder zum Opfer einer der Massenerschießungen im nahe Wildunger Straße 30, Stolpersteine verlegt am 5. Oktober 2009.gelegenen Wald von Biernieki geworden ist. Sicher ist nur, dass höchstens vier Prozent der im Dezember 1941 Deportierten das Lager überlebt haben. Ein Lebenszeichen von Friedrich Rothschild hat es nie mehr gegeben. In ihrer Not werden seine betagten Eltern schmerzlich darauf gehofft haben. Zum Zeitpunkt seiner Deportation gehörten sie zu den rund 1000 in Stuttgart verbliebenen Juden, die in Häusern jüdischer Besitzer zusammengedrängt waren. Im „Judenhaus“ Seestraße 114 mussten sie mit drei weiteren Parteien eine Etage teilen. Die „arischen“ Häuser, konnte die Stadt sich jetzt rühmen, waren inzwischen „judenfrei“. Damit aber nicht genug: Um die Wohnungsnot in Stuttgart zu mildern, wurden die älteren Juden in „Altersheime“ evakuiert. Rosa und Josef Rothschild kamen nach Rexingen – nicht etwa um ihren Lebensabend dort zu verbringen, vielmehr wurden sie im August 1942 nach Stuttgart, und von hier nach Theresienstadt verbracht. Diesen letzten Abstieg aus ihrem bürgerlichen Leben in der Wildunger Straße, wo sie mehr als 40 Jahre gelebt hatten, haben sie nur um Monate überlebt. Rosa Rothschild starb am 18. Oktober 1942, Josef Rothschild am 26. Januar 1943. Kein Grab erinnert an die drei Rothschilds, und kein Widergutmachungsverfahren wurde durchgeführt, denn Josef Rothschilds nach London entkommener Bruder empörte sich so über die von den Behörden gestellten Fragen, dass er lieber verzichtete, als sich einem inquisitorischen Verfahren auszusetzen. Josef, schreibt der erbitterte Mann 1958, habe 50 000, seine Frau Rosa 30 000 Goldmark mit in die Ehe gebracht. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass die Rothschilds wohlhabende Leute waren – und ihre Deportation ein lohnender Griff für das raubgierige Nazi-Regime.


© Text: Rainer Redies, Cannstatter Stolperstein-Initiative
© Bilder: Staatsarchiv Ludwigsburg

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