Cannstatter Stolperstein-Initiative

Hermann Pflichthofer: "verlegt" nach Grafeneck

Wer waren die Menschen, die der NS-„Euthanasie“ zum Opfer fielen? Man möchte ihre Biografie kennen, aber von Hermann Pflichthofer wissen wir nur, dass er als jüngster von drei Söhnen aufgewachsen ist. Er besucht die Oberrealschule, absolviert bei Firma Hesser eine Mechanikerlehre und besucht vier bis fünf Semester die Baugewerbeschule. Es folgen erste Berufsjahre als Ingenieur bei der Maschinenfabrik Esslingen, seit 1910 arbeitet Hermann Pflichthofer bei Bosch. 1911 heiratet er, seiner Ehe entstammen ein Sohn (Jg. 1913) und eine Tochter (Jg. 1922). Die Familie wohnt in der Wiesbadener Straße 5. Seit 1915 ist Pflichthofer bei der Fliegerwerft Böblingen im Kriegsdienst, 1918 kehrt er auf seinen Arbeitsplatz bei Bosch zurück. Er gilt als solide, pflichtbewusst und sehr religiös. 1923 erleidet er einen psychischen Zusammenbruch und wird erstmals ins Bürgerhospital aufgenommen. Es folgen vorübergehende Aufenthalte in den Heilanstalten Kennenburg und Göppingen, seit Januar 1926 lebt Hermann Pflichthofer in der Heilanstalt Winnental. Von dort, wo man ihn ärztlich betreut und behütet glaubt, geht ein Fragebogen nach Berlin, wo ein Arzt, der ihn nie gesehen hat, über sein Schicksal entscheidet. Seine Krankenakte erhält den Vermerk „verlegt“, dann wird er in einem der berüchtigten grauen Busse nach Grafeneck verbracht und gleich nach seiner Ankunft im Gas erstickt.
10 654 Gasmorde im Jahr 1940, so lautet die Bilanz von Grafeneck. Ausrotten und dem Vergessen anheim geben, hieß das Ziel der NS-Täter. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, steht im Grundgesetz. Hermann Pflichthofer ist dieser Würde beraubt und qualvoll ermordet worden. Daran soll sein Stolperstein erinnern, aber auch an die Neigung des Menschen zur Hybris.

Als wäre Hermann Pflichthofer eines natürlichen Todes gestorben,
verzeichnete der Grabstein der Familie nur seine Lebensdaten.
Das Grab ist inzwischen aufgelöst.

Wiesbadener Straße 5, Stolperstein verlegt am 15. April 2013.

© Text: Rainer Redies, Cannstatter Stolperstein-Initiative
© Bilder: Anke Redies und Petra Siebholz, Cannstatter Stolperstein-Initiative

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