Cannstatter Stolperstein-Initiative

Isaak Kaufmann: Alle sterben, nur ich nicht

Isaak Kaufmann stand schon in den Siebzigern, als er nach Cannstatt kam, um in der Neckarvorstadt mit der Familie seines Sohnes Alfred seinen Lebensabend zu verbringen. Als Alfred und die Seinen sich zur Auswanderung nach Luxemburg entschlossen, weil die Nazis ihren Viehhandel ruinierten, ging Isaak mit. Kaum ein Jahr später, deutsche Truppen drangen in das kleine Nachbarland ein, floh Alfred mit seiner Familie nach Frankreich. Großvater Isaak blieb alleine zurück und starb mit 88 Jahren vereinsamt in einem Heim für psychisch Kranke.

Isaak Kaufmann (undatiert).Die Anfänge einer jüdischen Gemeinde in Zaberfeld reichen in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück. Sie war im Wachstum begriffen, als Isaak Kaufmann am 26. Oktober 1852 das Licht der Welt erblickte, und erreichte mit 43 Personen gegen Ende des Jahrzehnts einen Höchststand . Es ist ungewiss, wann Isaak Kaufmann diese Heimat im heutigen Naturpark Stromberg-Heuchelberg verlassen hat. Die Ehe hat er 3. September 1878 in Heilbronn mit Sidonie Stern aus Olnhausen (Jagsthausen) geschlossen. Das Paar bekam fünf Kinder: 1879 Berta, 1883 Jakob, 1880 Karoline, 1888 Sigmund und 1895 Alfred. Karoline verheiratete sich mit Mayer Bonem, Alfred mit Karoline Bonem aus Luxemburg. Diese Verwandtschaft sollte spät im Leben Isaak Kaufmanns eine bedeutende Rolle spielen. Wie seine Söhne Jakob und Alfred war Isaak Kaufmann Viehhändler von Beruf, jedoch übte er sein Metier schon nicht mehr aus, als er Mitte der Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts mit seiner Frau nach Cannstatt kam. Hier schloss er sich der israelitischen Gemeinde an und wohnte in der Neckarvorstadt mit der Familie seines Sohnes Alfred zusammen. Sie bestand aus Alfred selbst, seiner Frau Karoline und deren Kindern Herbert und Rosl. Das Mehrfamilienhaus Hallstraße 28, in dem die drei Generationen im Erdgeschoss zusammenlebten, gehörte seit 1925, spätestens seit 1926 der Familie. 1938 wurde es verkauft. Ob es sich dabei um eine Arisierung gehandelt hat oder die Familie sich im Hinblick auf ihre geplante Auswanderung freiwillig von ihrer Immobilie getrennt hat, muss offen bleiben. Jedenfalls wohnte sie seitdem beim jüdischen Viehhändler-Kollegen Oppenheimer in der Daimlerstraße 56.
Die Adressbücher seit 1925 bezeichnen Isaak Kaufmann als gew[esenen] Viehhändler, was den Schluss nahe legt, dass der 77-Jährige genug für einen ruhigen Lebensabend zurückgelegt hatte.Hallstraße 28. Der Stolperstein für Isaak Kaufmann wurde dem seiner Angehörigen am 17. September 2012 hinzugefügt.Vermutlich hat er am Familienleben teilgenommen und sich seiner Enkelkinder erfreut. Johanna, Tochter seines Sohnes Jakob, war 1923 zur Welt gekommen, ihr älterer Bruder Bruno schon 1916. Alfreds Tochter Rosl hat 1927 das Licht der Welt erblickt.Tragisch endete das Leben ihres kaum achtjährigen Bruders Herbert, der 1937 beim Spielen im Neckar ertrank und Anlass zur Trauer gab. Getrauert hat Isaak Kaufmann sicher auch um seine Frau, die 1932 starb und auf dem jüdischen Steigfriedhof begraben ist.Interesse und Freude dürfte er hingegen am Erfolg seiner Söhne gehabt haben, die in seine Fußstapfen getreten waren und gemeinsam einen blühenden Viehhandel betrieben. Spätestens als die beiden unter Boykott und Diskriminierung zu leiden hatten, müssen aber auch die bedrohlichen Schatten des NS-Regimes ins Dasein des hochbetagten Mannes gefallen sein. Als sein Sohn Alfred unter dem Druck von Bedrohung und Verfolgung im März 1939 mit seiner Familie zu den Luxemburger Verwandten seiner Frau zieht und von dort in die USA auszuwandern gedenkt, geht der Großvater mit, um seinen Lebensabend in Differdingen zu verbringen. Seine in Luxemburg lebende verwitwete Tochter Karoline hat sich verpflichtet, für seinen Unterhalt aufzukommen. Aus Amerika steuert Berta, seine Älteste, monatlich 200 bis 300 Franken zu seinem Lebensunterhalt bei. Im Kreise seiner Angehörigen feiert er am 26. Oktober seinen 87. Geburtstag. Ob ihm in Anbetracht seiner angegriffenen Gesundheit sehr zum Feiern zumute war, mag bezweifelt werden. Alfreds verzweifelter Versuch, mit der Familie in die Vereinigten Staaten auszuwandern , wird immer aussichtsloser, denn sein Affidavit ist abgelaufen. Während der von banger Ungewissheit geprägten Wartezeit stirbt Isaak Kaufmanns Tochter Karoline mit nur 58 Jahren. „Alle sterben, nur ich nicht“, klagt er seitdem wiederholt. Er war bettlägerig geworden und hat sich wohl auch selbst als Last für seine Angehörigen empfunden. Als am 10. Mai 1940 deutsche Truppen das Großherzogtum Luxemburg überfallen, flieht Alfred Kaufmann mit Frau und Tochter nach Frankreich. Der Großvater bleibt zurück und kommt nach Ettelbrück in ein Heim für psychisch Kranke. Dort stirbt er am 4. Juni 1940, knapp 88 Jahre alt, nur einen Monat nach dem deutschen Einmarsch. Todesursache und Todesumstände sind bisher unbekannt. Isaak Kaufmann wurde ohne Grabstein beigesetzt.Hallstraße 28, Stolperstein verlegt am 12. September 2012.© Text: Rainer Redies, Cannstatter Stolperstein-Initiative
© Bilder: Staatsarchiv Ludwigsburg, Anke Redies, Cannstatter Stolperstein-Initiative

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