Cannstatter Stolperstein-Initiative

Johann Reinhardt: Kaum gelebt, schon ermordet

Die Adresse Neckartalstraße 145 erinnert an eine junge Cannstatter Familie, die mit dem Stuttgarter Transport vom 15.März 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde. August Reinhardt (*3.3.1909 Michelbach) war Musiker und Händler von Beruf. Zur Zeit der rassenhygienischen Untersuchungen (1938) und dem Stichtag der Festsetzung der „Zigeuner“ (1939) hatten er und seine Frau Friederike, geb. Schneck, (*24.10.1910 Elpersheim) in Reutlingen gewohnt. Im Frühjahr 1940 bekamen sie die Erlaubnis, nach Stuttgart zu ziehen. Wohnung und Arbeit fanden sie in Bad Cannstatt, wo am 23.12.1940 ihr erstes Kind Johann zur Welt kam. Ein Jahr später erhielten sie ganz unerwartet Zuwachs durch zwei Karlsruher Neffen, Heinz (*28.2.1933) und Josef Kling (*16.1.1935), die bei Tante Friederike in Pflegschaft gegeben wurden. Was war geschehen? Vater Georg Kling war schon 1939 in ein KZ gekommen. Im Mai 1940 wurde dann Maria Kling mit den fünf Kindern in Karlsruhe verhaftet. Sie gehörten zu den 490 Sinti und Roma, die am Hohenasperg gesammelt, nach Polen deportiert wurden. Bei dieser ersten Deportation waren die Kinder im Alter zwischen zwei und zehn Jahren. Maria selbst war hochschwanger mit dem sechsten Kind, als der Transport am 24.Mai in Jedrzejow auf der kleinpolnischen Hochebene ankam. Als der kleine Johann geboren wurde, befanden sie sich bereits in einem Zwangsarbeiterlager bei Krakau. Ein SS-Aufseher aus Bad Mergentheim, der Marias Vater kannte und schätzte, verhalf Maria und ihren Kindern zur Flucht. Da zur Rückkehr keine polizeiliche Genehmigung vorlag, wurde Maria kurz nach ihrer Ankunft in Karlsruhe am 17.11.1941 verhaftet und in das Frauen-KZ Ravensbrück eingeliefert, die Geschwister Stuttgarter Verwandten zur Pflege übergeben.
Johanna, Gisela, Marta und Johann Kling, die bei der Familie ihrer Tante Amalie Reinhardt in Zuffenhausen lebten, kamen am 11.2.1944 nach Auschwitz-Birkenau. Sie trafen dort weder Heinz noch Josef, noch das Ehepaar Reinhardt aus Bad Cannstatt an. Diese waren allesamt, bereits 1943 von den unmenschlichen Bedingungen, die im Zigeunerlager herrschten, hingerafft worden. Der zweijährige Johann starb sieben Wochen nach der Ankunft am 3.Mai 1943 an Lungenentzündung. Tags darauf wurde der Tod seiner Mutter Friederike protokolliert. Als Todesursache ist Herzschwäche angegeben. Vater August Reinhardt erlag nach Angaben eines Lagerarztes Dr.Mengele am 21.10.43 dem Fleckfieber. Als letzter starb der 10jährige Heinz Kling am 27.12.1943. Familie Reinhardt und die Kling-Brüder fielen einem Vernichtungsprozess zum Opfer, für den es keinen eigenen Befehl bedurfte.
Neckartalstraße 145 (Mombachbrücke), Stolperstein verlegt am 14. März 2008.

© Text: Stephan Janker, Rottenburg
© Bild: Anke Redies

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