Cannstatter Stolperstein-Initiative

Maria Reinhardt, die von Cannstatt nach Sindelfingen ging

Am 19.Januar 1942 gebar Maria Reinhardt ihr erstes Kind. Was für ein Geschenk, was für eine Freude, dass Siegfried so gesund und munter war! Sobald es nur irgendwie ging, wollte sie ihr großes Glück mit dem Vater des Kindes teilen. So verließ Maria eines Tages, ihr Kind im Arm, Stuttgart. Sie begab sich dorthin, wo ihr Verlobter lebte und arbeitete. Von dort kam Maria nicht mehr heim. Sie wurde verhaftet und dann „am 15.7.1942 mit Sammelschub von Stuttgart über Hof nach dem Konzentrationslager Auschwitz deportiert.“ Dort starb sie – fünf Monate später bereits – am 19.12.1942.
In den Akten liegt eine Quittung vor: ausgestellt vom Stuttgarter Hauptfriedhof auf dem Steinhaldenfeld am 28.Dezember. Ein gewisser Anton Reinhardt, ihr gleichnamiger Vater wohl, hatte „8.- RM Gebühr für die Beisetzung der Asche“ zu entrichten. Daraufhin wurde vom „KZ-Lager Auschwitz“ eine Urne überstellt, die am 6.2.1943 in der damaligen Grablage „K,10/1,9124“ auf dem Steinhaldenfeld beigesetzt wurde.

Maria hinterließ ihren Sohn Siegfried, der zu diesem Zeitpunkt gerade mal ein Jahr alt war. Ihr jüngerer Bruder Willy Reinhardt, der Siegfried nach dem Krieg adoptierte, berichtete: Maria „wohnte damals bei uns in Bad Cannstatt an der Steige 108. Nach der Geburt des Kindes ist meine Schwester zu ihrem Verlobten Christian Reinhardt nach Sindelfingen gegangen … Sie wollte ihren Verlobten in Sindelfingen nur besuchen“. Sie wurde verhaftet, „weil sie ohne Erlaubnis Cannstatt verlassen hat und nach Sindelfingen gegangen ist.“ Aber woher weiß Willy das? „Dies ist mir daher bekannt, dass der Zigeunerpolizist Georg Reinhardt zu meinem Vater gesagt hat, „das hätte sie nicht machen sollen, dass sie ohne Erlaubnis nach Sindelfingen gegangen ist“. Er erinnerte sich auch daran, dass dieser zu seiner Mutter Josephine sagte, sie solle Siegfried „aus dem Kinderheim abholen, weil die Mutter im Gefängnis sei“. Weder Maria, noch eines der Familienmitglieder waren vorbestraft gewesen. Auch war Maria, bis kurz vor der Geburt des Kindes, als Spielwarenarbeiterin bei Elsa Schwenzer in Degerloch in Arbeit gestanden. Maria hatte jedoch gegen die Bestimmung eines Erlasses vom 17.Oktober 1939 verstoßen, der „Zigeunern“ verbot, ihren Wohnort zu verlassen. Dieser kriminalisierende Tatbestand genügte zur Einweisung in ein Konzentrationslager. „Das hätte sie nicht machen sollen“. Ihr Verlobter Christian Reinhardt kam am 20.Juni 1942 in das KZ Flossenbürg. Er starb am 7.November 1943 im KZ Mauthausen-Gusen.

Kinder der Carl-Benz-Schule haben sich im Religionsunterricht mit Maria Reinhardts Schicksal auseinandergesetzt und die Stolpersteinverlegung eindrucksvoll gestaltet.Auf der Steig 108 (Spielplatz). Stolperstein verlegt am 14. März 2008.


© Text: Stefan Janker, Rottenburg
© Bilder: Weeber & Partner, Anke Redies

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