Cannstatter Stolperstein-Initiative

Marie Caroline Eisenmann: "verlegt" nach Grafeneck

Wer waren die Menschen, die der NS-„Euthanasie“ zum Opfer fielen? Man möchte ihre Biografie kennen, aber von Marie-Caroline Eisenmann wissen wir nur, dass sie mit sechs Geschwistern aufwuchs. Nach der Schule ist sie zunächst als Dienstmädchen tätig und noch vor dem Ersten Weltkrieg zwei Jahre in Amerika. 1918 heiratet sie den Schlosser Eugen Eisenmann. Mit ihm und einem gemeinsamen Kind lebt sie in der Kissinger Straße 30. Sie gilt als gutmütig, verträglich, gesellig, manchmal aufgeregt. Wann erste Krankheitszeichen bei ihr auftreten, geht aus den Krankenakten nicht hervor. Als sie am 1. Dezember 1919 ins Bürgerhospital gebracht wird, zeigt sie sich um ihre diphteriekranke Tochter sehr besorgt. 1920 kommt sie in die Heilanstalt Winnental. Von dort, wo man sie behütet glaubt, geht ein Fragebogen nach Berlin, wo einer, der sie nie gesehen hat, über ihr Schicksal entscheidet. Ihre Krankenakte erhält den Vermerk „verlegt“, dann wird sie in einem der berüchtigten grauen Busse nach Grafeneck verbracht und gleich nach ihrer Ankunft im Gas erstickt. 10 654 Gasmorde im Jahr 1940, so lautet die Bilanz von Grafeneck. Ausrotten und dem Vergessen anheim geben, hieß das Ziel der NS-Täter. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, steht im Grundgesetz. Marie-Caroline Eisenmann ist dieser Würde beraubt und qualvoll ermordet worden. Daran soll ihr Stolperstein erinnern, aber auch an die Neigung des Menschen zur Hybris.

Kissinger Straße 30, Stolperstein verlegt am 15. April 2013.

© Rainer Redies, Cannstatter Stolperstein-Initiative
© Bild: Anke Redies, Cannstatter Stolperstein-Initiative

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