Cannstatter Stolperstein-Initiative

Wilhelm und Hedwig Schwab: Eine fünfköpfige Familie - ausgelöscht!

Klassenfotos, wie es sie zu Tausenden gibt: Der Mädchenjahrgang 1927 der Cannstatter Schillerschule, aufgenommen in zwei aufeinanderfolgenden Jahren. Es hat nicht den Anschein, als ob sich viel verändert hätte in dem einen Jahr. Jedoch: eine der Schülerinnen hat nicht nur die Bilder aufbewahrt, sondern auch die Namen ihrer Klassenkameradinnen auf der Rückseite vermerkt. Ein Vergleich beider Namenslisten ergibt: 1937 fehlen vier Mädchen: Inge Engländer, Thea Schwab, Doris Böttigheimer und Rosl Kaufmann. Es sind die Namen jüdischer Kinder. Mögen ihre Eltern bis dahin versucht haben, sie vor dem Hass der nationalsozialistischen Umwelt zu schützen, nun waren sie von der Schule ausgeschlossen und erlebten schonungslos, was Diskriminierung bedeutet. Eine Zeitlang sah man die Mädchen noch in Cannstatt, aber scheu wichen sie Kontakten aus. Nach und nach verschwanden sie, weil die Eltern sich Zuflucht außerhalb Deutschlands erhofften oder weil sie wie Familie Schwab mit Thea und ihrer älteren Schwester Dore am 1. Dezember 1941 nach Riga deportiert wurden. Ihre Spuren verlieren sich im Chaos eines im vollen Wortsinn mörderischen Lagers. Der Viehhändler Alfred Kaufmann schrieb Ende Juni 1939 über seinen Kollegen: „Wilhelm Schwab ist scheint’s auch wieder zu Haus, ich habe ihm jedesmal, als ihm der Lump mit der Partei drohte, abgeraten zu klagen. Dann gab er mir zur Antwort, jetzt grad, jetzt erst recht verklage ich diesen Lumpen.“ Hat Schwabs Verlangen nach Gerechtigkeit im Gegenteil bewirkt, dass er eingesperrt wurde? Die Briefstelle deutet darauf hin. Sicher ist jedoch, dass die Schwabs sich der drohenden Gefahr bewusst waren, denn ihr Sohn Manfred entkam noch vor Kriegsausbruch nach Holland. Sollte er vielleicht die Möglichkeit einer Auswanderung der ganzen Familie ins Nachbarland ausloten? Er fand Unterschlupf in der für deutsche Flüchtlinge gegründeten zionistischen Landwirtschaftskolonie „Werkdorp der Stichting Joodse Arbeid“. Junge Juden wurden dort auf ein Leben in Palästina vorbereitet. Als das Werkdorf 1941 von den Nazis geschlossen wurde, zog Manfred Schwab nach Amsterdam und fand Arbeit als Landwirtschaftsassistent in Diensten des Jüdischen Rates, so die offizielle Version, tatsächlich arbeitete er in einem Schrebergarten. Da er über eines der begehrten Einreise-Zertifikate für Palästina verfügte, wurde er von den Deutschen Besatzern vorerst in Ruhe gelassen. 1943 jedoch war diese Schonfrist zu Ende, und Manfred Schwab wird am 27. Mai ins Lager Westerbork gebracht. Zehn Monate später wird er von dort nach Auschwitz verschleppt. Für den 25. März 1944 notiert Danuta Czech in ihrem Kalendarium: „Mit einem Transport des RSHA [Reichssicherheitshauptamt] aus Holland sind 599 Juden aus dem Lager Westerbork eingetroffen. In dem Transport befinden sich 387 Männer, 169 Frauen und 43 Kinder. Als Häftlinge ins Lager eingewiesen werden nach der Selektion 304 Männer, die die Nummern 175323 bis 175626 erhalten, und 56 Frauen, die mit den Nummern 76076 bis 76131 gekennzeichnet werden. Die übrigen 239 Deportierten werden in den Gaskammern getötet.“ Manfred Schwab hat die Hölle von Auschwitz mit der Häftligsnummer 175526 erlitten. Als sein Todesdatum wird der 9. Mai 1945 angegeben, ein Datum nach der Befreiung von Auschwitz. Wilhelm Schwabs Bruder Ernst hat 1950 von New York aus Wiedergutmachung betrieben. Die wenige Schriftstücke umfassende Akte verrät, dass den Schwabs eine erste Rate von 3000 RM Judenvermögensabgabe aufgezwungen, dass ihr Bankkonto mit 1115 RM geplündert und ihre Einrichtung geraubt wurde. Brückenstraße 42, Stolpersteine verlegt am 20. Mai 2009.
© Text: Rainer Redies, Cannstatter Stolperstein-Initiative
© Bilder: privat und Anke Redies, Cannstatter Stolperstein-Initiative

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